 gerüstet, oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt
(Jupiter, Apoll). Tief in der Seele jener Künstler, welche das Ideal männlicher
Schönheit darstellten, lag also die Ahnung: dass Kraft; keinesweges Sittlichkeit
das Erste sei, wonach sie zu streben haben.
    Ihr zweifelt? - Wohlan! macht die Probe! Werft die Kraft weg! lasst Schönheit
und Sittlichkeit. Habt ihr einen Mann? - Das behaupten wir nicht! - ruft ihr -
Haben wir die Kraft als notwendiges Erfordernis geläugnet? Aber schön, zum
edelen Zwecke geleitet, harmonisch, mit einem Worte: sittlich soll sie sein. Das
aber leugne ich euch geradezu. War Jupiters, Apolls Kraft eine sittliche? - Aber
läugnet einmal, dass es eine männliche war!
    Was folgt hieraus? - dass das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft,
wohl aber ohne Sittlichkeit, um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne.
    Führt nur keine Venus an! denn wofern sie euch mehr, als idealisirter
Liebreiz ist, tut ihr ihr zu viel Ehre. Ich aber spreche von einer Jungfrau im
höchsten Sinne des Worts, und vor der fällt eure Venus nieder; sei es auch, dass
sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe. Was beweisst das für
euch? - Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter, den knienden Apoll -
Wahnsinn! - Nicht wahr? Ihr gesteht es?
    Oder seid ihr noch nicht zufrieden? Wollt ihr der Proben noch mehrere? Gut!
so fragt euch dann: wer ist der unmännlichste Mann? der Hässlichste? der
Unsittlichste? - Keinesweges! es ist der Schwächste. Nun fragt weiter: welches
ist das unweiblichste Weib? - das stärkste? das hässlichste? - keinesweges! es
ist das unreinste, das unsittlichste.
    Und so müsst ihr dann zugeben: dass, wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte
ausdrücken, ihr Kraft, Weiblichkeit, ihr Reinheit, oder, was dasselbe ist,
sittliche Schönheit sagen müsst.
    Gesteht, ihr seid überwunden! und wenn ihr es nicht gesteht; so kommt und
seht mein Bild.
Ich bin weit von der Furcht entfernt, ihr möchtet das Alles für kindischen
Dünkel nehmen. Ihr kennt mich ja. - O nein! nein! ich will mich nicht halten!
will laut triumphiren, dass es mir gelang, dass ich gewürdigt wurde, die
Himmlische darzustellen. O, ich bin zu selig, als dass ich irrdische Rücksichten
nehmen könnte.
    Verzeiht dem Künstler! ich halte das Bild für eine Angelegenheit der
Menschheit. Schlösse der Tod einst das Auge des heiligen Mädchens, ihr und
andere könnten sagen: es habe niemals gelebt. Eure Venus müsste dann das Höchste
bedeuten, und ein ganzes herabgewürdigte Geschlecht würde vielleicht seine hohe
Bestimmung verkennen
