 Mensch kann sehr viel, was unsrem
weichlichen Zeitalter unmöglich scheint; der Krieg hat gar manchem diese
Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien, die sich jetzt so allgemein
verbreitet, führt denselben Beweis für die mögliche Aufopferung aller Kräfte zu
einem heilig verpflichteten Dienste. Kinder fehlen mir nicht, ich habe deren
viele, ohne die gute Sitte zu verletzen; mir ist eine wunderbare Kraft
verliehen, die mir ganz bewusst ist; wo ich glückliche Ehen sehe, die der Kinder
ermangeln, da blicke ich die Frauen an und erfülle sie mit guter Hoffnung; diese
Wirkung ist in mir ohne alle sündliche Neigung; ja meist mir ganz unbewusst
geschieht diese geistige Durchdringung. Lachen Sie nicht gnädige Gräfin, wer
weiß, ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen müssen.« - Der Graf fand den
Scherz nicht ganz angenehm; die Gräfin dagegen ließ sich in lustige
Betrachtungen über die wunderlichen Verwandtschaften ein, die aus solchen
geistigen Blicken entständen; sie erklärte Leidenschaften und Freundschaften,
die oft eben so plötzlich als überraschend sind, aus solcher geistigen
Verwandtschaft. Der Prediger gab ihr recht und fügte noch hinzu, dass gerade
darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren, und
dieses Wunsches liege, der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht, ihn
retten zu können, wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln, dass in so seltenen
Fällen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht; in den meisten
Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz
geschieden, und sucht sich nur in Täuschungen zu verbinden. - »Sie scheinen
viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben, erzählen Sie uns noch etwas
davon; wenn ich so ins lässige Zuhören gekommen, da mag ich den ganzen Abend
nicht mehr reden; auch schloss Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernstaft; Sie
müssen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen.«
 
                                Zehntes Kapitel
                  Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank
»Der Wunsch einer schönen Gräfin ist einem armen Landprediger Befehl«, sagte
Frank, setzte sich, und erzählte recht lebhaft nach einer Pause. - »Ganz
flüchtig muss ich Ihnen den Umriss meines früheren Lebens zeichnen; Sie werden
sich meine Eigentümlichkeit in ein paar Vorfällen daraus besser erklären. Mein
Vater war Landprediger, meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne
Beherrscherin des Hauses, welches sie an mir, ihrem einzigen Kinde, bis an ihr
Lebensende bewährte. Mein Vater starb, nachdem er mich durch guten Unterricht
zur Universität wohl vorbereitet hatte; diesen einzigen Einfluss auf mich
gestattete ihm meine Mutter, sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der
Gegend umher begleiten; immer fürchtete sie, ich möchte verführt werden. Noch
ist es mir unerklärlich, was ich unter dem Worte verführen mir gedacht habe
