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Und kein Mensch darf uns mehr scheiden,
Uns, die Gott geprüft in Leiden!
Der Minister war während der Vorlesung sehr nachdenklich geworden, beim Schluße
fuhr er heraus: »Sagt, wie könnt ihr so manches wissen, was gerade so in meinem
Innern gesprochen, bei einer allgemeinen Verfälschung der Geschichte, die mir
deutlich beweist, dass ihr nichts davon gewusst, sondern nur herum geraten habt.«
- »Das Menschliche«, antwortete der Kammerjunker, »woran wir einander kennen und
verstehen, ist in jeder Brust, das Historische wissen nur wenige.« -
»Wahrhaftig«, meinte der Minister, »ich fange an, noch ehe wir aus den Sümpfen
kommen, eure Poesie zu glauben; wir sind durch Lebensalter geschieden, wir
verstehen uns erst allmählich.«
    Meinen Lesern, mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch
diese Geschichte allmählich auch verständigt habe, wird es nicht entgangen sein,
wie das Dichten, insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen
Menschen eingreife. Wir sahen dies in der Geschichte Hollins, des kleinen
Johannes, und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen; möge uns dies ein
Bild werden, wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes
einwirken könnte; nur darum, weil unser Schauspiel unserm Volke, seinem Streben
und Glauben meist so entfernt ist, geht es der Menge so gleichgültig vorüber,
und wird mit dem Augenblicke vergessen; wer sich dem Volke anschliesst, empfängt
dessen Geist und Erfindung.
    Ein kleines Abenteuer störte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewöhnlichen
Unterhaltung. Sie erhielten einige Stationen von Rom, wegen mehrerer an
Reisenden verübten Räubereien, einen Husaren zur Bedeckung, der dem Minister und
seinen Begleitern sehr auffiel; dem Minister rief er seine eigne Jugend
vollständig zurück, die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende
Ähnlichkeit zwischen beiden. Sie ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein: es war
ein Deutscher, der schon lange in französischen Diensten, aber weder sein
angeblicher Name Frohreich, noch der angegebene Geburtsort Kamin waren der
Gesellschaft bekannt. Er sprach viel über seinen Dienst, und versicherte, dass
wenn er gleich nur Gemeiner wäre, so könne er doch wohl bei guter Gelegenheit
Marschall werden, und die ganze Armee, wie er Lust hätte, rechts und links vor
sich vorbei marschieren lassen, auch könnte er sich nicht über Langeweile
beklagen; hätten sie nichts mit dem Feinde zu tun, so gäb es desto mehr Streit
mit den Kameraden, erst gestern habe er eine zusammen gehauen - dabei rieb er
sich ganz vergnügt die Hände. »Heute«, fuhr er fort, »gibt's gewiss noch was mit
den Räubern, ich sah schon vorher so etwas schleichen; an dieser Stelle wurde
vor acht Tagen der
