
KANZLER.
Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe?
FÜRSTIN.
Ich weiß seit lang, Sie machen alles recht.
KANZLER.
Wohl mir, dass ich zur rechten Zeit noch bringe
So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht:
Ihr Bruder, gnäd'ge Fürstin, hat ganz trotzig
Sich einen Kreis von Abenteurern kühn
Gesammelt; die guten Bürger hängen noch
An ihrer Fürstin, doch sie fordern schnell
Die Gegenwart, die alles kann vereinen,
Die Frevler ohne Blutvergießen schreckt,
Die allen Guten gibt das Zutraun wieder.
FÜRSTIN.
Sie wähnen nun, ich würd ganz eilig kommen,
Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern,
Wo keiner hat den Mut, für mich zu streiten.
KANZLER.
Ich hab's gewagt, ich bin verhöhnt, verwundet.
FÜRSTIN.
Ich nehme Sie von allen immer aus,
Doch eben weil Sie da so einzeln stehen,
So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert,
Und ist's was wert, ich bin zu schwach zum Schützen.
Ich kenne Sie, fest wie ein Eichenbaum,
Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr,
So schwank ich in den Lüften hin und her;
Ich mag nichts machen in der Welt, denn was
Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht schwer.
KANZLER.
Nein, ich versteh Sie nicht, Sie sind verwandelt,
Bei Gott, es gibt auf Erden Ihrer zweie,
Die eine war des Vaters Ebenbild,
Es sprach sein Geist durch ihren heil'gen Mund,
Die Klugheit, früh entwickelt an der Größe,
Die Weisheit, an der Tätigkeit gekeimt,
Die Güte, in Erfahrung schön gereift;
Das sind Sie nun nicht mehr; wer kann's erklären?
FÜRSTIN führt ihn zu dem schlafenden Hylas.
Hier sehen Sie die Weisheit, die mich blendet,
Die Güte, die mich hat so schön gereift,
Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren,
Vor dessen Schönheit tausend Throne sinken;
Wenn die geschlossnen Augen mich beherrschen,
Wo nähm ich Macht, wenn sie sich öffneten,
Um scheidend mich zum letztenmal zu grüßen.
KANZLER.
Ja ich bekenn es, dieser Tausch ist hart
Und dieser Jüngling wert des schönsten Trons.
FÜRSTIN.
Des Herzens wert, zu gut für jeden Thron;
Für ihn ist das Entsagen jedes Trons
Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen.
Ich kenne, was ich meinen Reichsgesetzen,
Was ich als erstes Beispiel schuldig bin;
Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen,
Sie führte mich so schnell von alter Weisheit:
Es waltet über jedes Volk ein Schicksal,
Ich überlass mein trostlos Volk dem seinen,
Mein Schicksal ist die Liebe nun allein.
KANZLER.
Ich war nicht vorbereitet, gnäd'ge Fürstin,
Dass Ihr Entschluss
