 von den Speisen
nichts anrühren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle
unterhielten sich über die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen
auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können, mit solchem Aufwande über
sein ganzes Leben auszubreiten. Die Fürstin glaubte, er hätte sich durch diese
Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer
Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem
Dichter, manchem Fürsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu
entdecken; er glaubte, dass ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust
alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Äußerung leiden würde,
zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne; »wunderten wir
uns doch oft«, sagte er, »über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen
ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast
erschrecken, aber keiner lässt sich träumen, welche geistige Zwischenglieder sie
ganz natürlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken
und nichts muss heiliger gehalten werden; manche Sünder erscheinen da schuldlos
gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige
Geist ihre Kunstgaben nicht, während jene in sich aussterben und verarmen.« -
Diese Äußerung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die
Gräfin sich zu Gemüte; sie glaubte die Fürstin, deren frühere Verbindung mit
ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene öffentliche Sünderin zu erkennen,
und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller
Äußerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die
Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung
mit den Äußerungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes; sie
wollte ihre Tränen zurückhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung
an sich, in ihrem Innern zusammengepresst, störte den ruhigen Zusammenhang des
Äußeren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es
der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer
Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter
seinen Küssen und Tränen, die kühlend auf ihre Schläfe gefallen; die
Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche. Sie wusste nicht wie ihr
geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so
selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein
andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem
wunderlichen Schloss beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin
auf die Rückfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzählten ohne Aufhören von
dem Schloss; die Reise endete heiterer und traulicher,
