 den Sinn für jedes Große und Tiefe in der Welt geweckt; ihr
Ernst milderte sich im Kinderspiele, und sie sah mit tiefer Rührung die
Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes. Sie war wie eine Neubekehrte, so
eifrig, so strenge; sie glaubte es ihre Pflicht, ihren Mann zu bekehren, als sie
die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte. Frank ergrimmte; was erst nur
ruhiger Widerspruch gewesen, war allmählich zur Leidenschaft geworden, er konnte
ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hören; er beschwor sie bei ihrer
Liebe zu ihm, alle dem Zeuge zu entsagen, bei dieser Liebe, der sie so viel
geopfert, denn bei dieser Gesinnung könne er nicht mit ihr leben, und seine
Kinder wären in Gefahr von ihr verderbt zu werden. Sie schwor ihm, dass sie ihm
alles aufzuopfern bereit sei, nur nicht die Seligkeit; sie schwor ihm zu, dass
sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht, sondern aus Eifer für das Rechte,
für die Wahrheit; verleugnete er aber die Wahrheit, das Recht, indem er die
Religion lästre, so fühle sie sich frei von jedem Opfer. - Frank war dabei
zumute, als ginge er zwischen Himmel und Tod, zwischen ihrer Kälte und ihrer
edlen Geistigkeit; sein Entschluss war gefasst, er hatte sich so viele Jahre in
ihr getäuscht, eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt; er wollte keinen
Augenblick länger mit ihr zusammenleben. Er ließ ihr alles, nur die Kinder nahm
er ihr fort; er kränkte sie tief, denn an den beiden Söhnen hing ihr Herz; aber
um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben, der den Lohn
aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukünftigen verspricht. Sie glich sich
allmählich mit Bekannten aus, die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte;
sie suchte sich in alles Neue zu fügen, aber man merkte sehr bald die früher
gewöhnte Form; sie erschien dann wie eine Gartenhecke, der eine veränderte
Gartenkunst die Freiheit gegeben hat, nach allen Seiten zu wachsen, die aber
leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lässt, wo der Gärtner sie
viele Jahre beschnitten: eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie. Frank,
ungeachtet er ärmlich von Sprachstunden lebte, verschmähte doch strenge jede
ihrer Unterstützungen; sahen ihn die Leute auf den Straßen, so flüsterten sie
einander zu, »das ist auch noch einer von den Jakobinern«, so struppig erschien
sein Haar, sein Rock schmutzig und zerstossen. Machten ihm Bekannte darüber
Vorwürfe, so lachte er gleichgültig, und antwortete: »Wer so etwas erlebt hat,
der sollte es nie aus seinem Gedächtnisse verwischen lassen, sonst wäre er ein
Spiel jeder fremden Laune. Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen,
