 auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht
gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm
manches Bestehende in dem Unterrichte verhasst geworden, insbesondre war es aber
sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adligen Häusern,
nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln.
Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke
auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Gräfin war jede Vertraulichkeit
niederer Klassen unerträglich, und die tolle Ilse wusste schon dadurch sich ihr
einzuschmeicheln, dass sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen, durch ein
schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei
dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen über die
allgemeineren Begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei
einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Gräfin heftig widerstritt,
glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mündlich darüber nicht
weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im Hause
gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen Hause
begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind:
Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Nöten
Hellaut rufet mit Drommeten.
In den Schranken stehen die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.
Geister sind in jedem Hause,
Wecken aus dem Schlaf den Mut.
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Dass vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.
Immer mit dem größten Masse
Misst des Hauses Geist das Kind,
Und das Kind sich dehnt geschwind,
Will sich zeigen von der Rasse,
Was ihm Herrliches bescheret,
Zeigt sich höher, sicher währet.
Nicht die Geister zu vertreiben,
Steht des Volkes Geist jetzt auf,
Nein, dass jedem freier Lauf,
Jedem Haus ein Geist soll bleiben:
Nein, dass adlig all auf Erden,
Muss der Adel Bürger werden.
Sie wollte ihm diese Grundsätze, die sie für anstößig erklärte, widerlegen, aber
es war das erstemal, dass er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau
zugemessen. Sie war überrascht davon, aber nicht überzeugt, besah einige
Augenblicke ihre schönen Nägel, die so angenehm rötlich glänzten, und auf deren
jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: »Du bist
heute wohl so ernstaft, weil du Gerichtstag halten lässt. Hör Karl, einen
Gefallen musst du mir tun: siehst du wohl
