 absichtlicher Wahnsinn. Alle sind klug, besonnen, ermessen und prüfen,
heben sich über sich selbst hinaus, und neigen sich am Ende zur gemeinen
Alltäglichkeit herab. Das kann ich so strenge nicht tadeln, sagte Werner, das
bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens; warum soll die nicht
ausgesprochen werden? Störender ist mir, dass das Buch weder ein Roman, noch eine
Novelle oder ein Märchen ist; diese äußerliche Unvollkommenheit verrückt alle
Augenblick den Standpunkt, aus welchem man es betrachten soll, und verwirrt es
in sich selbst. Noch bemerke ich, dass die sogenannten poetischen Situationen
gekünstelt und absichtlich erscheinen, und die einzige Wahrheit des Gefühls in
der anspruchlosen Aline niedergelegt ist. Das eben, das eben, unterbrach ihn der
Professor, ist das frevelhafte Spiel, was durch das ganze Buch geht. Das
Heiligste wird niedergetreten, weil es schwach, ohnmächtig, abhängig, erscheint,
indes die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet.
    Für mich ist es immer schwer, von diesem Buche reden zu hören, sagte
Reinhold, im Guten sowohl als im Bösen, denn ich möchte gegen Beides anstreiten,
und gerate deshalb unausbleiblich ins Gefecht, oft gar auch in ein kreuzendes
Feuer, wie es mir zum Beispiel hier gehen würde. Aber eine bloße
Gefühlsäusserung, die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt, zieht
wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin, und ich will es daher nur dreist
heraussagen, dass ich von dem Rodrich tief angesprochen werde, dann wieder
unendlich hart abgestoßen, dann wieder zum allerkühnsten Spott gereizt. Oft
tritt er ganz fremd vor mich hin, als wäre gar keine Berührung zwischen uns
Beiden, treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher, erinnert mich
an andre Bücher, die eben so vornehm tun und die ich nicht leiden kann, der
Unwille runzelt meine Stirn, der Hohn schwebt auf meiner Lippe - und plötzlich
brechen die Stralen des reinsten, seligsten Friedens hervor; das Wehmütigste
aus meinem Leben, das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend
auf mich zu; ich zürne über meinen Hochmut, über meinen Spott, und lösche mit
linden Tränen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus. Gottlob! rief Auguste,
das ist doch etwas Andres, als der bloße Verstand, das empfind' und begreife ich
zugleich! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes, das
eine fromme, fast demütige, Rührung überzog. Lieber Reinhold, hub Werner an,
Sie sagten mit Unrecht, dass Ihre poetische Ergiessungen wie ein Friedensbote
durch jene Urteile hingingen; sie gehen darüber hin und schwemmen die einfache
Wahrheit derselben in ein unsichres Rauschen der Gefühle weg. O! nichts weiter,
sagte Auguste ungeduldig, wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner
Gefühle hin
