 Störungen hinaus und öffnete ihr ein frisches
tätiges Leben, das der reinste Wille und die andächtige Feier entschwundner
Geliebten mehr und mehr veredelte. Die arme Familie im Walde wurde in dieser
Stimmung am wenigsten vergessen. Ihre Segnungen tönten in Luisens Herzen wie der
Ruf des Himmels zu neuen guten Werken.
    Julius ging indes seinen einsamen Weg. Zu Anfang war es wohl, als wenn
Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzöge; allein er fiel
bald wieder in sich selbst zurück. Die Sorge für die Dauer ihres Glückes
beschäftigte ihn ängstlich, und machte ihn über die Mittel, es zu erhalten,
unschlüssig. Gleichwohl vermochte er nicht, mit ihr darüber zu reden, weil er
überall dem innern Reichtum seiner Gefühle keine Worte leihen konnte, weshalb
er in ihrer Gegenwart einsilbig, oft verlegen blieb. Dieser innere Druck ward
noch dadurch vermehrt, dass ihn Luise, so oft sie bei einander waren, drängte,
ihr etwas vorzulesen, Klavier zu spielen, oder auf einem Spaziergange den Mönch
aufzusuchen, den sie oftmals antrafen, und für den sie eine große Anhänglichkeit
gewann. Julius fühlte wohl, dass die Armut seiner Unterhaltung nach und nach
alle gegenseitige Mitteilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach
Außen treiben werde. Er versuchte es daher mit der gutmütigsten Anstrengung,
sich freier und lebendiger zu zeigen; allein die Natur widersteht jeder
Absichtlichkeit, und nur in einzelnen Augenblicken, wenn irgend eine Saite
seines Innren ungewohnt berührt ward, rauschte der Klang erschütternd durch ihn
hin, und sprengte die Bande, die den edelsten Geist gefesselt hielten. Der Mönch
verstand es fast allein, solche Momente herbeizuführen. Durch ihn lernten Beide
die Bibel kennen, die sie bis dahin nur, als ein notwendiges Glied in der
Stufenfolge menschlicher Entwicklung, geschichtlich, betrachtet hatten. Er sagte
ihnen oft: wenn es nur zu wahr ist, dass der schwankende Mensch äussrer Anregungen
bedarf, wo kann er sie würdiger finden, als grade hier? Das Leben, fuhr er fort,
ist reich in Vergangenheit und Gegenwart, die Entwicklung des einen, ewigen,
Geistes in Natur und Menschen sichtbar; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen,
erfordert einen wachen, geübten Blick. Das halbgeöffnete Auge schweift an den
großen Offenbarungen vorüber, die, wie einzelne Chiffern, nur dem eine lesbare
Schrift sind, der ihren Sinn erkannt in sich trägt. Die leisere Fühlbarkeit, das
schnelle Erfassen und Vereinen vorüberfliegender Töne, ist nur einem sehr
reichen, in sich beweglichen Gemüt gegeben, einem solchen, dem alles
durchsichtig erscheint, und das ohne fremde Kraft die äterischen Regionen
durchzieht, die sein eigentliches Lebenselement sind. Die Meisten wollen einen
lauten, ans Herz dringenden Ruf, der sie fast unwillkürlich erweckt. Sie sind
verloren, wenn sie sich
