 mein Inneres nicht vor mir selbst
verschließen? Und was gewönnest Du, in die Verwirrung hineinzusehn, wo eines das
andre zerstört und keines das rechte ist? Ganz anders ist es mit Luisen; ein
großer Schlag des Schlag des Schicksals hob sie über so peinigende Kämpfe
hinaus. Für sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein, dem sie mit
jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht. Ihr Gemüt ist frisch
und wach, deshalb versteht sie Dich, und scheuet Deinen Blick so wenig, dass es
ihr vielmehr wohl tut, ihm zu begegnen. Luise reichte sittig, vor den Obristen
hingebeugt, ihre Hand der Freundin, die, bei eigenem getrübten Denken, die fremde
Brust dennoch klar durchschaute. Mit tiefer, innrer, Bewegung fühlte der Obrist
die schöne Gestalt seinem Herzen so nahe. Wie aus sich herausgedrängt, sagte er,
die dargebotne Hand schnell erfassend: wenn es wahr wäre, liebe Luise, wenn Sie
mich verstanden, wenn Sie mich auch jetzt verstehen -? Heiliges, fast demütiges,
Entzücken zitterte durch Luisens Seele. Sie hob ihre Augen zu den hellen
Blicken, die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden; nichts trübte,
nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht; ein Bote des Himmels
hatte zu ihr geredet. Einen Augenblick schwieg sie, durch so wundersame Fügungen
ergriffen. Nein gewiss, sagte sie endlich, gewiss, ich kann Sie nicht missverstehn!
O Gott! rief der Obrist, beide geliebte Wesen sanft umschlingend, so lass mich
sterben! Ihr armen, wunden Seelen, heilt Euch in meiner Liebe, deren stilles
Feuer ewig so rein glühen wird.
 
                                  Drittes Buch
Jedes, was in unsichtbarem Zusammenhange, unvorbereitet, in das Leben eines
Menschen eingreift, und das über dasselbe für den Augenblick bestimmt, scheint
die Vergangenheit gänzlich von der Gegenwart loszureißen, und aus dieser eine
neue beginnende Welt hervorzurufen. So schwanden auch jetzt alle frühere
Störungen aus Luisens Seele. Ohne Kampf, wie ohne große innere Bewegung, gab sie
sich der stillen Gewalt einer Neigung hin, die, wie alles Schöne und Herrliche,
aus der Wurzel des Daseins entspringend, ihr Gemüt erweiterte und erhellte. Sie
sann und erwog weniger als je, aber das Beste stand ihr immer ganz nahe, und sie
erkannte und ergriff es mit frischem Sinn. So fügte sich in des Obristen heiterer
Nähe alles wie von selbst, und ihr Verhältnis zu ihm, ohne gerade eine bestimmte
äussre Form zu haben, ward durch so milden Einfluss unwillkürlich dichter und in
sich unauflöslich.
    Ein auf solche Weise heilig gehaltener, innrer Verein konnte indes den Augen
der Welt nicht entgehn. Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr,
seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet, und es konnte daher nicht fehlen
