 wenn es geschieht, so geschieht es auf unzulängliche Weise. Da
wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block
gesetzt, und das heißt man eine Büste. Wie selten ist der Künstler imstande, sie
völlig wiederzubeleben!«
    »Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen,« versetzte
Charlotte, »dies Gespräch ganz zu meinen Gunsten gelenkt. Das Bild eines
Menschen ist doch wohl unabhängig; überall, wo es steht, steht es für sich, und
wir werden von ihm nicht verlangen, dass es die eigentliche Grabstätte bezeichne.
Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen? Selbst gegen die
Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung; denn sie scheinen mir immer einen
stillen Vorwurf zu machen; sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und
erinnern mich, wie schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren. Gedenkt man,
wieviel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen,
wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem
Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu
lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas
Angenehmes zu erzeigen.
    Und leider ereignet sich dies nicht bloß mit den Vorübergehenden.
Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder, Städte
gegen ihre würdigsten Bürger, Völker gegen ihre trefflichsten Fürsten, Nationen
gegen ihre vorzüglichsten Menschen.
    Ich hörte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den
Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von
jenen nichts zu befürchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen
könnten. So unrein ist die Sorge für das Andenken der andern; es ist meist nur
ein selbstischer Scherz, wenn es dagegen ein heiliger Ernst wäre, seine
Verhältnisse gegen die Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten.«
 
                                Zweites Kapitel
Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knüpfenden Gespräche, begab man
sich des andern Tages nach dem Begräbnisplatz, zu dessen Verzierung und
Erheiterung der Architekt manchen glücklichen Vorschlag tat. Allein auch auf die
Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken, auf ein Gebäude, das gleich
anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte.
    Diese Kirche stand seit mehreren Jahrhunderten, nach deutscher Art und Kunst
in guten Massen errichtet und auf eine glückliche Weise verziert. Man konnte wohl
nachkommen, dass der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und
Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude bewährt, und es wirkte noch immer
ernst und angenehm auf den Betrachter, obgleich die innere neue Einrichtung zum
protestantischen Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestät genommen
hatte.
    Dem Architekten fiel es nicht schwer, sich
