 Genie
nicht unsterblich sei.
    Die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine
Schwachheit zusammen.
    Man hält die Menschen gewöhnlich für gefährlicher, als sie sind.
    Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und
Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.
    Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man
verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
    Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir
des Künstlers.
    Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten.
    Das Schwierige leicht behandelt zu sehen, gibt uns das Anschauen des
Unmöglichen.
    Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt.
    Säen ist nicht so beschwerlich als ernten.
 
                                Sechstes Kapitel
Die große Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward ihr
dadurch vergütet, dass sie ihre Tochter völlig begreifen lernte, worin ihr die
Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hilfe kam. Es war nicht zum erstenmal, dass
ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf
dieser Höhe erschien. Und doch hatte sie aus der Erfahrung, dass solche Personen,
durchs Leben, durch mancherlei Ereignisse, durch elterliche Verhältnisse
gebildet, eine sehr angenehme und liebenswürdige Reife erlangen können, indem
die Selbstigkeit gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene
Richtung erhält. Charlotte ließ als Mutter sich um desto eher eine für andere
vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl geziemt, da zu
hoffen, wo Fremde nur zu genießen wünschen oder wenigstens nicht belästigt sein
wollen.
    Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer
Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das
Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran lobenswürdig hätte
finden können, eine üble Nachrede hinter sich gelassen hatte. Luciane schien
sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht allein mit den Fröhlichen fröhlich,
sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und, um den Geist des
Widerspruchs recht zu üben, manchmal die Fröhlichen verdrießlich und die
Traurigen heiter zu machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie
sich nach den Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen
konnten. Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem
jeden aus ihrer Reiseapoteke, die sie beständig im Wagen mit sich führte,
energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich vermuten lässt, gelang
oder misslang, wie es der Zufall herbeiführte.
    In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar nicht
einreden, weil sie fest überzeugt war, dass sie vortrefflich handle. Allein es
missriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen Seite, und dieser war es, der
Charlotten viel zu schaffen machte,
