 Begriffen der herrschenden
Volksreligion, noch in den Systemen der Philosophen findet. Er ließ die
unglücklich Verbannte, die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine
schönere Welt des Lichts und unvergänglicher Freuden schauen, die dem milden
Dulder offen stand. Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden,
dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt, sollte im Angesichte des
Allmächtigen in verklärten Leibern, in Betrachtung seiner unendlichen
Eigenschaften, seiner bewundernswürdigen Werke ein Leben beginnen, dessen Gränze
nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen!
Wie wäre es möglich, dass ein zerrissenes Herz, das seine Freude nur jenseits des
Grabes finden konnte, sich solchen Lehren hatte verschließen können? Ich nahm
sie freudig, gläubig an. Bald ging ich weiter. Jetzt von Teophrons sanfter
Weisheit geleitet, und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen, machte
ich große Fortschritte in Erkenntnis der neuen Wahrheit, der tröstlichen Lehren
und erhabenen Geheimnisse, worin sie mich unterrichteten. Ich lernte, wie sie,
die Menschen als meine Brüder, als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters
ansehen, ich lernte sogar meine Feinde lieben, und für die beten, die mich
unglücklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte sich, meine Ansichten der
Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich, die Truggestalten niedriggesinnter
Gotteiten, denen ich längst nicht mehr aus Überzeugung, nur aus Gehorsam
geopfert hatte, verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger,
allweiser, allmächtiger, allgütiger Geist erschuf, erhielt, und beherrschte die
Welt. Tartarus und Elysium waren nicht mehr - aber dieser große Geist lohnte und
strafte als vergeltender Richter nach dem Tode. Diese und noch viele andere
Lehren, die dir mitzuteilen nicht erlaubt ist, entüllten mir Teophron und
Apelles, und ich ward eine Christin! Du wirst ohnedies schon längst erraten
haben, dass die beiden Männer zu jener Secte gehörten, welche seit ein Paar
hundert Jahren von Palästina und Syrien aus, wo ihr göttlicher Stifter,
unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer seiner
Feinde fiel, sich über die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Agatokles!
Ich ward eine Christin! Die Lehren, die, ehe ich sie kannte, mich mit Schauer
erfüllten, machten jetzt mein Entzücken aus! Ich ergriff sie mit heißer
Begierde. O mein Freund! Das Christentum ist die Religion der Unglücklichen! In
ihren Schoss soll jeder Leidende sich flüchten; sie hat Balsam für alle Wunden,
die keine Menschenhand zu heilen vermag; und wenn sie uns gleich schwere
Pflichten auferlegt, so gibt sie uns doch selbst durch die Größe ihrer
Forderungen ein erhebendes Gefühl unserer Würde, ein Vertrauen auf unsere Kraft,
und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Zeremonien so
sanfte Tröstungen
