 die Macht der Schönheit, achtlos für
weiblichen Wert, leichtsinnig und flatterhaft. Das erkenne ich nun deutlich,
und bin auch seit dieser Erkenntnis wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe
gelangt, die seine Anwesenheit, sein Scheiden gestört haben, und in der doch
allein mir eigentlich wohl ist.
    Könnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille,
dieser behaglichen Gleichgültigkeit übertragen! Könnte ich dich nur ein
einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen, wie ich sie ansehe!
Glaube mir, es würden noch Schönheiten genug an der ersten, und Tugenden an den
letztern übrig bleiben, um ihnen recht gut zu sein, und seines Lebens froh zu
genießen; aber was unsre Leidenschaften in so stürmische Bewegung bringt was uns
das kurze Dasein so oft verbittert, würde wegfallen. Wir würden von Umständen
und Menschen nicht mehr erwarten, als sie leisten können, kein Wesen mehr
schätzen, als es verdient, und jedes nach seiner Art benützen, ohne über die
Übel, die wir ja zu berechnen wussten, zu klagen.
    Ich meine, mit dieser Art zu denken, hätte ich auch mit deinem Serranus
nichts unglücklich sein wollen! Er kommt zuweilen zu mir, und ich glaube
beinahe, er hat Lust, mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen!
Ich kann eben nicht sagen, dass mich das sehr freuen würde, aber die Achtung, die
er mir zeigt, freut mich. Er ist im Grunde ein guter Mensch, nur leichtsinnig
und schwach, durch Erziehung und Beispiel verdorben, und hätte wohl vielleicht,
unter vernünftiger Leitung, ein ganz annehmliches Wesen werden können. Er liebt
dich aufrichtig. Der Verlust deiner Neigung - der arme Mann wiegt sich in den
süßen Traum, sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben - tut ihm sehr weh. Im
Ernst, Sulpicia! glaube mir, so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart
weit brauchbarer für's alltägliche Leben, als jene idealisirten Geschöpfe. In
Verbindung mir einem vernünftigen Weibe übernimmt sich so ein Mensch nicht
leicht, überlässt der klügeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten,
stört ihre Ruhe durch keine wilden Flüge der Einbildungskraft, reißt sie nicht,
ihrer besseren Vernunft zum Trotz, in überirdische Welten fort, liebt sie
aufrichtig und dankbar - und bleibt ihr treu! O ich lobe mir die Prosa des
Lebens!
    Darum, liebe Sulpicia, um dieser neuen Erfahrungen willen, überhöre die
Stimme der Freundschaft, die schon so oft vergeblich an dein Herz drang, nicht
länger, suche jetzt, da Entfernung und andere Umstände diesen Entschluss
begünstigen, eine Neigung zu besiegen, die dich gewiss unglücklich machen muss:
nicht, weil du mit Anicius vermählt bist - Ehen können getrennt werden, - nicht,
weil
