 geben kann, diesen
Brief meines Vaters an den Galerius! Mein unendliches Mitleid, meine Tränen
hattest du seit dem Augenblick, als Konstantin auf seiner Flucht durch diese
Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Vater kam. O gütiger Gott! Was ist das
für eine Welt, was sind das für Menschen! Ist es denn der Mühe wert zu leben,
um unter Larven zu wandeln, die die hohlen Gesichter nach Gefallen auf diese
oder jene Seite wenden, wie es die Rolle fordert? Ich war so glücklich, ehe ich
diese Welt kannte, die mich nun auf ein Mal mit ihren kalten feindlichen Armen
ergreift und drückt, und peinigt.
    Konstantin sprach mit aller Macht der Beredtsamkeit für seinen unglücklichen
Freund bei meinem Vater. Er hat, er beschwor ihn, sein Ansehen dahin zu
verwenden, dass ihm Galerius Freiheit und Leben schenke. Er stirbt für mich! rief
er ein Paar Mal in einem Ton, der mir durch die Seele drang. Sein Schmerz war
unverstellt, und der Schmerz eines Mannes, eines Feldherrn wie Konstantin,
erschüttert tiefer, als das Leiden gewöhnlicher schwächerer Menschen. Aber ich
konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Warum hast du ihn sterben lassen,
warum hast du es zugegeben? Für dich hatte der Thron höheren Wert als die Liebe!
    Das ist das Unglück der Welt, dass ihr die Liebe so wenig gilt. O liebten die
Menschen, wie sie sollten, wie Jesus Christus geliebt hat, wie er uns zu lieben
befahl! Mit dieser Liebe, die Alles trägt, Alles duldet, nie das Ihrige sucht,
und nie zu ermüden ist, was könnte die Erde sein! Aber Konstantin sucht auch das
Seinige, und über dem Suchen verliert der edelste Freund das Leben, und das
beste Weib auf Erden ihr ganzes Glück. So dachte ich mit Bitterkeit, und wandte
mich von Konstantin ab.
    Mein Vater - du glaubst nicht Teophania! wie viel schöne Gelassenheit in
diesem Charakter liegt, den vielleicht nur der hohe Platz, auf dem er stand, der
Menge unkenntlich machte - schien wirklich gerührt von Konstantins Bitten. Aber
o mein Gott! was ist das für eine Welt? muss ich wieder ausrufen. Er erklärte ihm
gerade zu, er könne wenig oder nichts tun. Ich bin nicht mehr Kaiser, sagte er,
und der bloße Name ohne Gewalt vermag nichts über die Menschen, in deren Herzen
die Dankbarkeit keine Stimme hat. Konstantin reiste ab, wie er gekommen war,
tief gebeugt, verkleidet, und in größter Eile. Nun übernahm ich sein Geschäft,
aber mein Vater hieß mich schweigen mit jenem Ernst, den ich nur zu wohl kenne,
und ich sah, dass nichts zu hoffen war. Indessen kam ein Brief des Königs
