 Zeiten der Entnervung seinen Brüdern
das Beispiel hoher Geduld und standhaften Mutes schuldig ist.
    Du wirst leben, Teophania! du wirst Alles anwenden, dein Leben so lange zu
fristen, als es möglich ist, um unsern Kindern ihre Mutter zu erhalten, bis sie
erzogen sind, und deiner nicht mehr bedürfen. Dann folgst du mir gewiss, ein
sanfter Tod löset die morschen Bande der längst erschütterten Hülle, die dein
Geist ungern trug, und dein Freund, der dich unsichtbar umschwebte, der dein und
unsrer Kinder Schutzgeist war, empfängt dich in den Auen des Friedens. O
Augenblick der Wonne, wenn jede Pflicht erfüllt, jedes Opfer, auch das des
langen Lebens gebracht ist, und du, zitternd vor Lust, in meine Arme eilst. Er
kommt, er kommt gewiss, und bis dahin wollen wir ihn nicht beschleunigen, sondern
verdienen.
    Nun lehe wohl, Geliebte! diese Blätter werden nicht das letzte sein, was du
von mir erhältst. Ich hoffe dir noch einmal schreiben, vielleicht - dich noch
einmal umarmen zu können. O mitten in den ernsten Gedanken welche die Nähe des
Todes in mir weckt, schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung - ich werde
dich hier noch ein Mal, und bald wieder sehen, ich werde dir meinen letzten
Abschied, unserm Sohne den letzten Segen bringen!
 
                     109. Kalpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Trübe und langsam schleicht die gelähmte Zeit hin, ein Tag reiht sich an den
andern, keiner bringt Rettung, keiner Hoffnung, so töricht auch oft das Herz
auf eine Möglichkeit hofft, wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer
Änderung vorhanden ist. Galerius ist wütend über den Ungeheuern Betrug, der
ihm gespielt worden. Er hatte dem Konstantin nachsetzen lassen, aber dieser
hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken
Vorsprung, und wir wissen sicher, dass er weit über Byzanz hinaus sich den
Grenzen Illyriens nähert. Bis ihm dort die Diener, des Tyrannen nachfolgen
können, hat er wohl schon Gallien, oder das Meer erreicht, und ist in
Sicherheit. Nun fällt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglücklichen
großmütigen Freund. Er war im eigentlichen Sinne außer sich vor Wut, er
schäumte, brüllte, und misshandelte Alle, die sich ihm näherten. Er befahl,
Agatokles auf der Stelle das Urteil zu sprechen, und ihn - mich schaudert, es
zu schreiben - im Circus den wilden Tieren vorzuwerfen. Alle Freunde des
Unglücklichen, alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies
unmenschliche Urteil empört, und vereinigten sich, dem Tyrannen Vorstellungen
zu machen. Das würde indessen wenig gefruchtet haben, wenn nicht die Jovianer,
deren Tribun der edle Verurteilte war, sich laute Klagen,
