 mir der Tod eines Weibes über der Geburt eines neuen
Menschen, eines Weltbürgers, eines künftigen Christen.
    Leb' recht wohl, meine Geliebte! Aus Nikomedien schreibe ich dir nächstens,
und ausführlicher. Unsere Reise gleicht diesmal einem Fluge, und schon kommt
man, mich zu ermahnen, weil das Schiff, das uns an's bitynische Ufer bringen
soll, die Segel lösen will. Leb' wohl!
 
                  101. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                       Nikomedien, im April 305.
Die Würfel liegen, die Hand des Zufalls greift nach der Scheere, um das letzte
Haar abzuschneiden, welche das bloße Schwert über den wichtigsten von Galerius
Feinden aufgehoben hält. Doch ohne Bilder, mein Freund! denn ich liebe sie
nicht, weil sie mich unbequem dünken, meine Gedanken, die nichts als klare
Wahrnehmungen enthalten, auszudrücken. Im vergangenen Monat hat sich der kaum
hergestellte Kaiser dem Volke zum ersten Mal wieder gezeigt, und wer ihn lange
nicht sah, hatte Mühe, ihn wieder zu erkennen. Seine Gesundheit ist ganz
zerrüttet, seine Kraft gebrochen, dieser Schatten des ehemaligen Diocletians
taugt nicht mehr zu dem Geschäfte, das einen starken Arm und ungeschwächten Mut
fordert. Er fühlt es, oder ist klug genug zu tun, als fühle er's, und - legt
die Regierung nieder. Die Welt wird das lächerlich ernste Schauspiel als eine
Wirkung hoher Philosophie, einer ruhmwürdigen Gleichgültigkeit gegen die
höchsten Güter der Erde anstaunen, die Klugen werden insgeheim lachen oder
fürchten, je nachdem sie zu einer Partei gehören, und Galerius allein gewinnt,
denn seine Plane sind ausgeführt, und das still bereitete Werk mancher Jahre ist
nun reif. Maximian wird mit Diocletian zugleich den Purpur ablegen, Konstantius
ist nicht zu fürchten, so bleibt Galerius die Herrschaft über die Welt so
ziemlich sicher und allein, wenn Einer, nur Einer noch aus dem Wege geräumt ist,
den seine Geburt, und mehr noch als diese, ein unternehmender Ehrgeiz zu einem
fürchterlichen Nebenbuhler machen, obwohl er bis jetzt seine Plane und Ansprüche
unter dem Schein vollkommener Ruhe und Gleichgültigkeit verbirgt. Er ist sein,
doch gibt es Menschen, die ihn durchschauen, denn was hätte nicht schon Gold und
Bestechung geoffenbart und bewirkt! Er muss fallen, wenn Galerius sicher sein
soll - er wird fallen, denn er ist in der Hand seines Feindes, und dieser Feind
ist in wenig Tagen unumschränkter Herr der Erde.
    Das ist er klug genug, selber zu berechnen, und darum hat er seine Anstalten
sehr zweckmäßige gemacht. Jetzt, mein Freund! ist es für dich Zeit zu wirken, und
deinen bescheidenen Teil an dem großen Plane zu nehmen. Wir wissen, dass in
Chalcedon Anstalten zur heimlichem Abreise, oder vielmehr zur Flucht einer
bedeutenden
