, mein Konstantin, brauche ich die unbestreitbaren
Ansprüche eines eingebornen Fürsten auf den Thron seiner Voreltern nicht an's
Herz zu legen. Nicht bloß deine Gesinnungen gegen mich, auch deine Denkart im
Allgemeinen bürgt mir dafür, dass du sie jederzeit ehren und anerkennen wirst;
und so kann ich auch, ohne den Vorwurf der Heuchelei zu verdienen, dich
versichern, dass ich es für eine sehr günstige Wendung des Schicksals ansehen
würde, wenn es dich bei den bevorstehenden Veränderungen an einen Platz stellen
möchte, auf dem dein gerechter Sinn, deine Klugheit und Kraft, die Macht des
römischen Staates aufrecht erhalten, und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre
fortsetzen kann.
    Meine Kalpurnia war sehr vergnügt, als ich ihr meinen Entschluss mitteilte.
Die Aussicht, ihren Vater, ihren Bruder, so viel werte Freunde wieder zu sehen,
erfüllte sie mit so reger Munterkeit und Tätigkeit, dass sie selbst unter ihren
Augen alle Anstalten zur Abreise treffen ließ. Wir sind in Amida, wie du aus der
Überschrift des Briefs gesehen hast, und folglich an der Grenze des Reichs.
Sobald Kalpurnia und mein Sohn, den ich mitbringe, sich in etwas von den
Beschwerden einer schnellen Reise erholt haben werden, setzen wir sie
ununterbrochen fort, und denken in wenig Tagen dir mündlich zu sagen, wie sehr
wir Beide dich lieben und schätzen. Leb' wohl!
 
                         98. Agatokles an Konstantin.
                                                         Laureacum, im März 305.
Ein sehr verlässlicher Bote bringt dir diesen Brief, er enthält die näheren
Angaben von Allem dem, was du zu wissen verlangst, und was dein Vater dir melden
lässt. Alles ist bereit, der Legionen in Gallien, Spanien und Britannien bist du
durch deinen Vater sicher, hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien ist
so viel geschehen, als möglich war, und du wirst mit mir zufrieden sein. Die
Christen, die sich unter ihnen befinden, bindet Religion und gerechter Hass gegen
ihren Verfolger Galerius an dich, die übrigen zieht das Beispiel der größeren
Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen mutigen Führer dir nach,
dessen Heldentaten die Fama von Karrhäs Gefilden, und aus den Gebirgen von
Armenien bis hierher geschäftig trug. Sobald Diocletian den Purpur ablegt, und
Maximian, wie es allgemein heißt, zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt,
sind dein Vater und Galerius Augustus, und du der Sohn des abendländischen, sein
geborner, berufener, würdiger Cäsar. Mag Galerius sich in den Morgenländern,
oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger wählen, du hast ihn nicht zu
fürchten. Der Geist der Zeit, der sich allmählig vom Heidentume zu einer
vernünftigen Religion hinüber neigt, ist auf deiner Seite, er kämpft mit deinen
Schaaren, er zieht die Menschheit in dein
