 dass er es ahnt, an dem Plane gearbeitet, dessen
Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll. Der römische Senat hat längst
aufgehört zu sein, in dem Sinne, in welchem ihn einst die versammelten Vater und
der staunende Erdkreis kannten. Warum sollen wir aus altem Wahn, oder unzeitiger
Schonung eine Form behalten, die längst nichts mehr als eine leere Hülle ist,
aus der der Geist entfloh? Der römische Staat ist reif zur Wiedergeburt; so
werde er wiedergeboren, und eine neue Aera1 beginne für die erneuerte Welt.
    Vor allen Dingen ist es nötig, um jede Wurzel des Alten zu vertilgen, dass
der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorschlag wegen Byzanz
scheint mir sehr klug und ausführbar. Ich habe an Ort und Stelle Alles überlegt
und bedacht, was du mir früher schriebst. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt
eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen, hier, wo zwei Erdteile einander
berühren, und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten eröffnet.
Aber - Eine Hauptstadt - Ein Reich - Ein Herrscher - Ein Gott!
    Ganz neu muss Alles werden, und von dem Alten auch keine Spur mehr übrig
bleiben, die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel für
Widerspenstige dienen könne. Erstaunt und betäubt sollen sie sich zuerst in der
neuen Schöpfung umsehen, und dann, bis sie sich erholt haben, wird die neue
Ordnung ihnen nicht mehr fremd sein. Nur so kann man hoffen, den Keim alles
alten Unglücks, das Schwankende der Verfassung, und die tausend Missverhältnisse
einer geteilten Gewalt zu heben.
    Wenn dann die alte Regierungsform mit kühner Hand zerschlagen ist, folgen
ihr die zertrümmerten Götzenbilder und Altäre, und ein neuer würdiger Cultus
erhebe sich über der gereinigten Erde.
    So steht das Bild vor mir, groß, erhaben, und alle Kräfte aufzubieten, die
mir zu Gebote stehen, ist mir nicht allein Freude, ist, wie ich glaube, Pflicht,
vom Schöpfer mir auferlegt, der mit diesen Kräften mir auch den Beruf zu diesem
Werke gab. Leb' wohl!
 
                                    Fußnoten
1 Zeitrechnung.
 
                          97. Tiridates an Konstantin.
                                                             Amida, im März 305.
Die wichtigen Ereignisse, die sich bei Euch in Nikomedien zubereiten, und die
noch wichtigeren Folgen, die daraus entspringen können, haben mich bestimmt,
nach Bitynien zu gehen, wo ich in ungefähr acht Tagen einzutreffen hoffe. Die
Gunst und die Macht des Cäsar Galerius hat bisher meine Rechte unterstützt und
aufrecht erhalten; es kann sein, dass der künftige Augustus dieselben Gesinnungen
beibehält, aber es kann auch sein, dass Politik oder Laune ihn umstimmen, und so
glaube ich, dass es auf jeden Fall gut ist, bei der wichtigen Katastrophe
gegenwärtig zu sein. Dir
