 geflossen, und in dem Ewigen und
Heiligen unserer Brust niedergelegt.
    Wenn jetzt der Frühling dem Christen in der rings erwachenden Natur das
wiederkehrende Leben zeigt, wie Alles neu entsteht, und vom Winterschlafe sich
fröhlich losringt, dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit, nur überall den
Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen, er feiert keine Nachtfeier der Venus1
mit üppigen Gesängen und Tänzen. Ihm ersteht die tote Natur in neues Leben, ihm
keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe, ihm erhebt sie sich in der Person seines
göttlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der
umschliessenden Felsengruft. So belebt jeder kommende Frühling mit neuer Kraft
die hohe Zuversicht in seiner Brust, und durch sinnliche Wahrnehmungen und
vernünftige Schlüsse wird der Glaube in ihm fest und unerschütterlich.
    Ich könnte dir in unsern übrigen Glaubenssätzen, in unsern Offenbarungen
noch mehr Beispiele dieser Art liefern, wenn eine solche Auseinandersetzung
nicht für einen Brief zu weitläufig würde. Kann es mir auch nicht gelingen, dich
ganz zu überzeugen, so wünsche ich doch, dir meine Handlungsweise und die
Gründe, die mich dazu bewegen, in einem solchen Lichte zu zeigen, dass du
bekennen müsstest, mein Ziel sei würdig des Strebens, und dass deine Freundschaft,
wenn ich vielleicht unter diesen Bestrebungen erliegen sollte, mir einst das
Zeugnis gebe: sein Wille war gut. Leb' wohl.
 
                                    Fußnoten
1 Die Nachtfeier der Venus des Katull wird nach Bürgers Übersetzung wohl den
Meisten bekannt sein.
 
                          95. Valeria an Teophanien.
                                                         Byzanz, im Oktober 304.
Man hat mich von deiner Seite gerissen, von dem einzigen Herzen, das auf dieser
Welt noch für mich empfindet, um mich in die Arme meines Vaters zu führen, den
ich nie gesehen, und seit ich denken kann, nur aus den Wirkungen seiner Macht,
und den Eingriffen in meine Wünsche kennen gelernt habe.
    Ich schreibe dir in einem Augenblick der höchsten Bewegung. Der Kaiser ist
von seinem langen Aufenthalte in Salona, wo sich seine Kräfte nur wenig erholt
haben, endlich gestern nach einer langsamen Reise hier angekommen. Mich hat man,
um ihn hier zu erwarten, von dem Orte weggeschleppt, wo sich Alles befindet, was
über und unter der Erde noch Wert für mich hat.
    Morgen soll ich ihm vorgestellt werden. Ein ängstliches Gemisch streitender
Empfindungen wühlt in meiner Brust. Ach, darf ich es dir gestehen, dass Abneigung
und Furcht am hellsten aus dem verworrenen Haufen hervortreten?
    Warum hat man mich nicht in der glücklichen Dunkelheit gelassen, in der ich
lebte! Heimatliche Insel! Ihr frischgrünenden Fluren, ihr hallenden Bäche, ihr
duftigen Nebelgestalten! Warum hat man mich von Euch getrennt? Ach dort, wo es
so trüb war, war ich so glücklich! Was soll
