 Hand des Geschicks schwer auf
deinem Herzen lag, dies Herz durch keine Vernunftgründe sich vor stechenden
Zweifeln schützen konnte, und alle Systeme der Philosophen, die dein
vielgebildeter Geist sich gegenwärtig hielt, nicht hinreichen, dir Beruhigung zu
verschaffen, weil eben dein hoher Geist ihre Lücken und Blössen schmerzlich in
diesem Augenblick erkannte.
    Nein, Phocion, es ist nicht möglich! Diesem vielgestaltigen, jeder Täuschung
unterworfenen, jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere
Ruhe, unser Glück nicht allein anvertraut haben. Denke an die erst genannten
Secten, deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben, und Alles, was
vergangne Alter mit Mühe ersannen und für wahr hielten, Lügen zu strafen
scheint; denke an die Versammlungen des Senats, an jede noch so kleine
Verbindung mehrerer Menschen, wo jeder mit gleich starken Gründen den Satz
verteidigt, der ihm wahr und ausgemacht ist, und jeder sich rühmt, die Vernunft
auf seiner Seite zu haben! Sollte es wirklich diese vielgetäuschte und
vieltäuschende Erkenntnis sein, in der wir Alles suchen und finden müssen, was
wir zu unserer Beruhigung so notwendig bedürfen?
    O nein, Phocion, es muss etwas Anderes sein, Etwas, das in allen Menschen
gleich ist, das in dem wilden Goten, wie in dem weichlichen Bewohner Asiens, in
einem Kaligula, wie in einem Sokrates liegt, und nur durch Klima, Erziehung und
Gewohnheit gestimmt, sich stärker oder schwächer äußert - das Gemüt, das, was
wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz, den Sitz aller Empfindung,
alles Willens, des innersten Lebens nennen! Hierin sind alle Sterblichen gleich.
Alle fliehen sie den Schmerz, Alle suchen sie die Lust, sie mögen sie nun
setzen, in was sie wollen; Alle streben glücklich, ruhig zu sein, wie das Wasser
aus jeder Störung durch jedes Hindernis nach seiner horizontalen Lage strebt -
Alle hassen, Alle lieben auf gleiche Art, nur verborgener oder offenbarer,
stärker oder schwächer, je nachdem Sitte oder Wildheit, Unschuld oder
Verstellung ihrem Gefühl Schranken auferlegt, und in das Herz, in das Gemüt des
Menschen hat der Schöpfer die Religion gelegt. Mit dem Gemüte sollen wir ihn
suchen, und mit festem Glauben ergreifen, wenn er sich uns durch sinnliche und
übersinnliche Wege offenbart. Die Vernunft soll nur dazu dienen, das, was jene
geheimen Stimmen sagten, durch ihre kalten Erfahrungen zu bestätigen. So ist
unser Glaube an Unsterblichkeit, an einen allweisen Schöpfer des Ganzen, an
seine nie schlummernde Vatersorge, an eine künftige Vergeltung, an eine
allgemeine Brüderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht bloß Resultat
grübelnder Untersuchungen und kalter Schlüsse; es ist ein lebendiger Glaube,
eine feste Überzeugung, die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann,
denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen
