
 
                          10. Sulpicia an Kalpurnien.
                                                               Rom, im März 301.
Dass du, statt meines Besuchs, einen Brief von mir erhältst, dass es mir, drei
Straßen weit von dir, nicht möglich ist, dich zu besuchen; ist das Werk
niedriger harter Menschen, an deren Spitze Serranus, und - ich schaudre es zu
sagen - mein Vater steht. Novius, der Nichtswürdige, der unsre Villa so
unverantwortlich vernachlässigt hat, rächt die Entdeckung seiner Schandtaten
durch niederträchtige Verleumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von
meinem Verhältnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet, aus
welchem ein feiles Gemüt, wie das seinige, eine solche Verbindung zu betrachten
im Stande ist! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen, hat er nichts
unterlassen, was den Prinzen und mich in ein verhasstes Licht setzen kann, und
aus dem eignen schändlichen Gemüt noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes
hinzugesetzt. Was mir aber unbegreiflich bleibt, ist, dass er, die Götter wissen
woher? von Allem weiß, was für die Zukunft zwischen Tiridates, mir und dir
verabredet ist. Mein Vater wütet. Der Gedanke einer Scheidung, einer Verbindung
mit einem barbarischen Tyrannen1, wie er Tiridates nach alter Römersitte nennt,
macht ihn aller Schonung, aller väterlichen Liebe vergessen. Kalpurnia! Ich
würde trotz des Kummers und der Kränkungen, die ich ausstehen muss, dennoch diese
Ausbrüche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich sie als Folgen
wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurteile, die nicht mehr in die
Zeiten passen, ansehen könnte; aber ich fürchte, es liegt dieser
unverhältnissmässigen Wut etwas anders zum Grunde, das vielleicht nicht so edel,
so verzeihlich, - - o lass mich darüber hingleiten! Das Geschlecht der Anicier
ist mächtig, ihr Einfluss am Hofe bedeutend. Mein Vater ist ehrgeizig, er hat
drei Söhne zu versorgen, die zum Teil schon in Hofämtern (wie wenig stimmt das
mit ächtem Republikanismus überein!) dienen, die er gern weiter bringen möchte!
Das empört mich, das macht mir meine hülflose Lage unter diesen Händen
unerträglich!
    Serranus würde sich nicht unterstehen, mich mit bitteren Vorwürfen, mit
niederm Verdacht, so wie er tut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufreizungen
meines Vaters und sein Ansehen dies schwache unselbstständige Gemüt zu einer ihm
selbst unerreichbaren Härte und Kraft aufregten. So aber stützt sich seine
Armseligkeit auf jenen festen Grund, und er peinigt mich um so mehr, je weher es
tut, sich von Jemand misshandelt zu sehen, den man nicht achten kann, der alle
Augenblicke die gelernte Rolle vergisst, und die Inconsequenz seines Innern durch
unzusammenhängendes Betragen äußert, jetzt schilt, jetzt trauert, in dieser
Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt, in der nächsten die alte Liebe
