, selbst am Kreuze zu
leben, nur um zu leben - wie müssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande
nach dem Tode gewesen sein!
    Wer aber gibt uns bessere, die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hätten?
Schlafen? Nichts von sich wissen? Was sind das anders, als schonende Namen für
die grauenvolle Idee der Vernichtung, vor der das denkende Wesen
zurückschaudert? - Plato hat schöne Ideen, aber sie befriedigen nicht, sein
Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stoiker und alle übrigen
Philosophen geben Vermutungen. Wer gibt dem dürstenden Geiste Gewissheit? Und
vor Allem, wer gibt dem rohen sinnlichen Volke, das durch losen Spott und
unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Götter aufmerksam geworden ist, und
Ehrfurcht und Scheu als lästige Bande abzuwerfen strebt, einen neuen Zaum? Es
ist schrecklich, sage ich dir, wie weit die Verachtung alles Heiligen und
Ehrwürdigen in Rom nicht bloß in den höheren Ständen, sondern auch unter dem
niedrigsten Pöbel geht. Diese alte Religion sinnlicher, leidenschaftvoller,
diebischer, ehebrecherischer Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben, den sie,
unbegreiflich genug, so manches Jahrhundert ausgeübt hat. Die Welt in ihrer
jetzigen Verfeinerung, Überverfeinerung und Verderbteit, braucht einen
stärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gottheit
selbst.
    Es ist unmöglich, bei den Folgen dieses Missverhältnisses der Religion zum
Zeitalter, gleichgültig zu bleiben. Die Zukunft scheint mir schrecklich, ich
fürchte traurige Ereignisse für die Mit- und Nachwelt. Ich kann mich dieser
Gedanken nicht entschlagen, wenn sie mich oft recht peinlich fassen. So leide
ich doppelt. Das ist das unselige Loos von Gemütern, wie das meine, dass das
künftige Übel sie schon quält, ehe noch das gegenwärtige seine Macht über sie
verloren hat. Beklage mich, Phocion, nur entzieh dem düstern Träumer, den du
schon oft vergebens ermahnt hast, deine Nachsicht und Liebe nicht. Leb' wohl!
 
                                    Fußnoten
1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen, und zum
Gefangenen gemacht. Saphor, ihr mächtiger König, hielt ihn bis an seinen Tod in
schimpflicher Gefangenschaft, und setzte, wenn er sein Pferd bestieg, immer den
Fuß auf den Nacken des unglücklichen Monarchen.
2 Seneca de Tranquillitate.
3 Hades, Tartarus, Namen für die Unterwelt. Die Stellen auf welche weiterhin
angespielt wird, sind folgende:
Animula vagula, blandula,
Hospes, comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula, rigida, nudula,
Nec ut soles dahis jocos.
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Debilem facito manu
Debilem pede, coxa:
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Vita dum superest, bene est,
Hanc mihi, vel acuta
Si sedeam cruce, sustine.
