 Kalpurnien lebe, öfter als sonst, im
Wachen, in Träumen - und nicht vergebens! An dieser reinen Flamme verzehrt sich
jede unlautere Begierde, läutert sich der Wille, stählt sich die Kraft. Ich habe
alle Hoffnung verloren, sie wieder zu sehen; dennoch kann ich in manchen
Augenblicken einem heißen Wunsch, einer Ahnung künftiger Vereinigung nicht
widerstehen. Auch das ist einer der Widersprüche in meinem Innern, die mich
beschämen und quälen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemüts gelangen? Soll
meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft vertröstet
mich die Hoffnung, die doch keinen Menschen, wie elend er sei, verlässt, auf
meine späteren Jahre; Manneskraft und kälteres Blut wurden bewirken, was jetzt.
Vernunft und Überlegung fruchtlos versuchen. Vielleicht hat diese Stimme recht!
Manchmal ist mir aber auch, als wäre, dies Alter zu erreichen, mir nicht
bestimmt, als sollte ein frühzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen. Ich würde
nicht darüber trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmassung und Stolz mit dem
Weisen sagen: Ich gehorche den Göttern nicht, ich stimme ihnen bei2.
    Denn, was ist das Leben, Phocion? Die Bedingung unserer Bestimmung auf
Erden. Wir sind hier, weil wir etwas zu tun, zu schaffen, zu hindern haben, das
in den Plan des großen Ganzen gehört. Haben wir das verrichtet, so können wir
abtreten. Hierzu ist kein Maß der Jahre bestimmt. Die Vorsicht setzt das
Werkzeug ihrer Absicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umständen in
Bewegung. Ist die Wirkung vollbracht, dann zerbricht sie das unnütze Geräte,
und wo wir dann hinkommen? Phocion, das ist das schauerliche Rätsel, das kein
Sterblicher lösen kann. Tartarus, Elysium sind artige Märchen. Doch hangen
Viele daran, die nichts Höheres zu denken wagen. Darum sollen sie uns öffentlich
heilig sein! Und auch! - es wäre ein schöner Gedanke, die vorangegangenen
Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend! Dort würde ich auch
meine Larissa sehen! Ach wer daran glauben könnte!
    Wie unglücklich ist es, diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben, und in
allen Schulen der Philosophen, in allen ihren Büchern nichts zu finden, das
diesen Verlust ersetzt! Ach wer an Elysium glauben könnte! sage ich noch einmal.
    Es ist gar zu traurig, welche düstere entnervende Vorstellungen von unserm
Fortwähren im Hades3 sich die meisten, selbst vernünftigen Menschen machen. Wenn
Hadrian sein Seel'chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt, wo
kein Scherz, keine Freude, mehr ist: wenn Achill im Homer lieber Tagelöhner auf
der Oberwelt, als König im Reiche, der Schatten sein möchte; wenn Mäcenas es
wünschenswert findet, unter allen erdenklichen Schmerzen
