 eines Grases, einer Blume, und
eben so ohne Folge für den inneren Wert, der doch allein den Menschen zum
Menschen macht! Tausendmal, Phocion, habe ich mir dies gesagt, tausendmal, wenn
Kalpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte, mich bemüht, die Natur und Quelle
des mächtigen Eindrucks zu zergliedern, und so die Wirkung des Ganzen
aufzuheben. Es gelang auf einen Augenblick, im nächsten verschwand alle
Spekulation vor der allgewaltigen Macht der Schönheit.
    Phocion! ich fange an, mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden. Ich weiß
bestimmt, dass Kalpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glücklich
machen kann, und trotz dieser festen Überzeugung - - Wie kann ich Tiridates
tadeln, der auch nichts anders tut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu
widerstehn, ihm Kraft und Wille fehlt?
    Wille? Fehlt mir dieser? Nein, Phocion! diese Gerechtigkeit darf ich mir
widerfahren lassen. Ich will widerstehn, und ich hoffe, ich werde es. Ist kein
Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundsätzen zu finden: so übrigt die
Flucht, die keinem, der ernstlich will, entstehen kann.
    Kalpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben, dass sie nicht allein
liebenswürdig sei, dass sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszuführen
vermöge. Sulpicia lag krank in Bajä. Häusliche Verdrießlichkeiten, Einfluss der
Witterung, mehr als dies, verzehrende unglückliche Leidenschaften hatten ihre
Gesundheit erschüttert. Sie fürchtete, allein in bloßer Begleitung ihrer Sklaven
nach Rom zurückzukehren. Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen.
Da entschloss sich Kalpurnia, die Freundin nicht zu verlassen. Des Vaters
abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen bestürmt, und unter dem Schutze
eines treuen Freigelassenen reiste sie im ungünstigsten Wetter, Tag und Nacht,
nach Bajä, und brachte der kranken Freundin Hilfe und Trost. Am folgenden Morgen
kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zurück. Ich war zugegen, als
sie anlangten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte, seine
Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen, harrte ihrer mit Sehnsucht und Angst.
Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht
der Liebe messen? Fordre nicht, dass ich dir das Wiedersehen dieser seligen
Unglücklichen beschreibe, dieses Entzücken, diesen Schmerz diese Götterwonne,
diese Verzweiflung! Sie müssen sich trennen, und ihre Zukunft liegt in tiefem
Dunkel. Entzündet und tief erregt von dem Auftritte, dessen Zeuge ich war,
gerührt von Kalpurniens Edelmut, wiederholte ich es doch noch einmal: ich will
ihrem Zauber widerstehen, und ich hoffe, ich werde es.
    Ein hohes Bild schwebt in äterischer Klarheit vor meiner Seele. Larissa
erscheint mir oft, hier in Rom, seit ich um
