 sie mit festem Willen und heiterem Sinn, und mitten in dieser
würdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Torheiten und
Äußerungen über, die mein Gefühl tief verwunden. Aber sie ist schön, Phocion!
Sie ist das schönste Weib, das ich je gesehen habe. Das fühle ich, und zürne mir
selbst, dass ich es so tief fühle. - Wenn sie, hingegossen auf ihr Ruhebett, die
goldne Leier im Arm, durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert, oder in
begeisterter Stellung, noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst, der
ihre Züge erhebt, schöne Stellen aus unsern Dichtern declamirt, oder endlich,
was ich zwar nur ein einziges Mal sah, im pantomimischen Tanz, wie eine
Luftgestalt, daherschwebt, und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien
entfaltet; o Phocion! wie schön ist sie dann! Nur einmal, wie ich dir sagte, sah
ich sie so; denn trotz ihrer epikuräischen Grundsätze hat sie ein sehr seines
Gefühl für Schicklichkeit und weibliche Würde. Es war ein stiller traulicher
Abend, kein fremder Zeuge außer mir gegenwärtig, als sie auf vieles Bitten ihres
älteren Bruders Lucius, der ihr Liebling zu sein scheint, ihrem Vater, den
Brüdern und mir bei verschlossenen Türen dies unendlich reizende Schauspiel
gab. Sie tanzt vortrefflich, noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer
Arme, ihr Mienenspiel, ihre Gebärden, womit sie sprechend und unverkennbar dem
Zuseher die Fabel des Stückes vergegenwärtigt. Ja, Phocion! dieser Eindruck,
wird nie aus meiner Seele schwinden.
    Ist das aber recht? Soll ein Spiel unsrer Sinne, eine angenehme Einwirkung
auf äußere Organe, denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt, vermögend
sein nicht allein mächtig auf den edleren Teil unseres Selbst zu wirken, sondern
sogar diesen Teil wider seine Überzeugung mit sich fortzureissen, und zu
Handlungen zu bestimmen, die vor der prüfenden Vernunft nicht bestehen können?
Was ist der Mensch für ein armes, schwaches Geschöpf! Ein Spiel, nicht allein
des Schicksals, der allgewaltigen Natur, der Leidenschaften - auch ein weit
verächtlicheres seiner Sinne, die selbst bei besseren Menschen sich gegen die
Vernunft empören.
    Unbegreiflicher Zauber der Schönheit! Was bist du! Ein Phantom, ein
conventioneller Begriff, abgeändert nach Klima und Zeit, weder aus der Natur der
Menschen bestimmbar, noch überhaupt unter Regeln zu bringen! An den schönsten
Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beißen Zone ungerührt vorüber, und
was uns widrig erscheinet, entzündet seine Einbildungskraft, und bezwingt sein
Herz. Und was ist endlich Schönheit oder Reiz? Diese oder jene unwillkührliche
Gestaltung des Körpers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere oder
gröbere Gewebe der Haut, eben so eine bloße Wirkung physischer Kräfte, jedem
Einfluss der Vernunft entzogen, als die Bildung
