 des Grabes gebracht hat? - Welcher Widerspruch
im männlichen Herzen!
    Die Ärzte, sagt er mir, geben beinahe alle Hoffnung auf. Beinahe! An diesem
schwachen Faden hält sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest, und manchmal
schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele. Armer Tiridates! Er
ist sehr unglücklich, und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann
ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unaussprechlich, um so mehr, da sein
Herz ihm heimlich Vorwürfe machen muss.
    So leiden denn alle guten Menschen, alle sind gequäkt. Und warum sind wir
denn gut? Warum tut nicht jeder für sich, was ihm die Klugheit rät, ohne sich
um die Andern zu bekümmern? O die Selbstsüchtigen sind die Glücklichsten, und je
länger ich in der Welt lebe, je mehr sehe ich die Rechtmässigkeit und Klugheit
ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, List gegen List, Kälte gegen Kälte! Wer
am längsten aushält, ist der Glücklichere, und dann auch in seinen und der Welt
Augen der Bessere, der Verständigere. Ist nicht in der ganzen Natur das Recht
des Stärkern gültig? So denn auch in der gesitteten Welt, nur mit dem
Unterschied, dass hier Verstand und Geschicklichkeit statt der körperlichen Kraft
eintritt. Hier ist der Klügere der Stärkere. So lass uns denn klug sein, und
nichts als klug, so lange das Flämmchen des Lebens brennt. Dann fasst uns die
Urne, und wir sind Staub, wir mögen für uns allein gesorgt, oder uns um Anderer
willen hingeopfert haben.
    Als ich dich verließ, als ich mit frohem Mute das Schiff bestieg - o warum
hat kein Gott mir damals mein Geschick verkündet, kein unglückliches Wahrzeichen
mich zurückgehalten an dem vaterländischen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich
nach Bytinien gekommen? Die ich liebe, muss ich entbehren und verlieren, die ich
hasse, verfolgen mich, die ich vergessen möchte, ruft mir das Schicksal mit
immer neuer Lebhaftigkeit zurück. Agatokles ist verheiratet, und lebt in
Syntium. O wie viele Erinnerungen drängen sich in das einige Wort! Um seines
Vaters Einwilligung zu seiner Heirat zu erhalten, hat er seinem Erbteil
entsagt. Du weißt, ich bin nicht habsüchtig, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn
man im Überfluss erzogen worden ist, alle die tausend Bequemlichkeiten und
Genüsse zu entbehren, die der Reichtum sichtbar und unsichtbar um seine
Günstlinge verbreitet. Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient, schon
darum nicht, weil er diese Forderung machen konnte: dennoch bringt es
Agatokles. Ich konnte seinen Schritt nicht billigen, als ich es hörte, aber ich
musste ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Nachricht in meinem Innern
erregt hat, nicht ganz gestillt,
