 Natur und den Gang der
Empfindungen betrachten, höchst weise und nützlich ist; auch ist es das Einzige,
das Verheißung hat. Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir wohlgehe, und du lange
lebest auf Erden. So spricht das Gesetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken
des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen Volke der Wüste verkündigen
ließ. Väter- und Mutterliebe hat die Natur in unsere Herzen gepflanzt, sie
braucht kein Gesetz einzuschärfen. Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom
Mutterstamm, wurzelt für sich allein, und wird zum Baume. Das junge Tier
entläuft der älterlichen Pflege, so bald es fähig ist, sich selbst zu erhalten;
denn der Trieb der Natur wirkt vorwärts, nicht zurück. Nur der Mensch steht
höher, von ihm fordert die Welt und sein Schöpfer mehr, er soll, wenn er
selbstständig ist, die Urheber seines Lebens nicht vergessen, er soll die Pflege
seiner Jugend ihrem Alter vergelten, und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu
führt, so müssen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit, Alles bewirken. Darum
erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte über Leben und
Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edelen Gemütern treibt
Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die höchste Weisheit dem Menschen das
Gesetz der Liebe und Achtung für die Eltern, knüpfte den Lohn daran, der für die
Stufe der Entwickelung, auf welcher damals das Menschengeschlecht stand, der
höchste war, und ordnete das Gesetz, das Ehrfurcht für die sichtbaren Urheber
des Lebens gebot, unmittelbar nach den Gesetzen, die die Verehrung für den
unsichtbaren Urheber desselben enthalten.
    So trieb nebst Teophaniens Wunsch auch das Gefühl der Pflicht mich zu
diesem Schritt, aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzürnten
Vater zu zeigen, den selbst der drohende Tod nicht an das Dasein seines Sohnes
erinnert hatte. Konstantin ging zu ihm. Er fand ihn seltsam, nicht erzürnt,
zuweilen sogar gerührt, aber unschlüssig, wankend - so dass er seine Antwort erst
am folgenden Tage zu schicken versprach. Sie lautete also: Wenn ich mich
entschließen könnte, gesetzmässig und feierlich allen Ansprüchen auf sein
Vermögen zu entsagen, weil er nicht gesonnen sei, seine Reichtümer zum Besten
einer Christengemeinde verwenden zu lassen: so wollte er mich wieder als seinen
Sohn erkennen, und seine Einwilligung zu meiner Vermählung geben. Meine Wahl
blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterschrieb das Instrument, das mir
Konstantin unwillig gab, und noch denselben Abend eilte ich, meine vollkommene
Verzeihung selbst von meinem Vater zu erhalten. Ich ließ mich in einer Sänfte
hintragen; ich trat in's Atrium, und befahl dem Sklaven, mich zu melden. Der
Anblick unserer Ahnenbilder, die in langen Reihen die
