
um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die
Dryaden und Hamadryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen sind
aus den Wäldern entflohen, zum Teil vor der Stimme der Vernunft, zum Teil vor
dem Hohngelächter, womit der unüberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt.
Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wälder und in der erhabenen Stille
der Natur das Gefühl der allgegenwärtigen Gottheit, die das Moos am Baume mit
eben der Weisheit schuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geist,
der fähig ist, diese Betrachtungen anzustellen. Der einige, allwissende,
allmächtige Schöpfer erfüllt das Ganze, sein Hauch schwebt in den säuselnden
Lüften um uns, seine väterliche Fürsorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes
Tiers, dem Bau jedes Nestes. Scheint dir dieser Ersatz zu gering für jene
fabelhaften Wesen? Und warum bemühest du dich, dem Glauben an sie einen neuen
Sinn unterzuschieben? Lass sie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der sie der
Vergangenheit zuträgt - sie gehören nicht mehr in unser Zeitalter. Ein neues
besseres System steht da, die Menschheit soll es ergreifen, oder es ergreift sie
mit mächtigem Arm; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit, und
unwiderstehlich wie er.
    Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Christentum, sagst du, ist
den Künsten nicht günstig. Ein Teil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden.
Das Zeitalter ist ihnen ungünstig. Es ist wahr, das Christentum duldet nicht
Bilder und Zeichen desjenigen, der weit über alle Vorstellung, über jeden
Begriff erhaben ist. Schliessen doch selbst die wilden Germanier ihre Gottheit
nicht in Tempel, als in eine unwürdige Beschränkung ein: so darf und muss der
Christ auch seinen Gott auf die höchste, reinste Weise verehren. Aber das Rad
der Veränderung wälzt sich unablässig fort, und der menschliche Geist steht nie
stille. Es werden Zeiten kommen, wo in sicherer Ruhe der tätige Trieb sich
erfindend, bildend entfalten wird. Wenn einst nach Jahrhunderten die Stürme
vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die
jetzt über die gesittete Welt hereinzubrechen, und Kultur, Künste, Wissenschaft
und Ordnung zu stürzen drohen, sich unter einander bekämpft, verjagt, und blutig
aufgerieben haben werden: dann wird in dem allgemeinen Schrecken nur die
Religion allein aufrecht stehen, sie wird das Heiligste und Höchste des Menschen
bewahren, sie wird dem Übermut roher Barbaren Ehrfurcht gebieten, ihre sanfte
Macht der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten, in die Hallen ihrer Tempel
werden sich Künste und Wissenschaften vor dem Sturm retten, und wenn es auf dem
müden Erdkreis stille geworden, wird ein schönerer Tag aus ihnen über die
neugeborne Welt hervorgehen. Leb' wohl!
 
                                    Fußnoten
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