, die
ausdrucksvolle Miene, der bewegte Ton uns überredet. Es ist ein Mensch, ein
Wesen wie wir, das wir sich freuen, leiden, zürnen sehen; und wir leiden, zürnen
und jubeln mit ihm. Der Mensch spricht zum Menschen, die Natur ergreift uns mit
unsichtbarer Gewalt, und reißt uns fort, wohin zu folgen wir nicht widerstehen
können.
    Ich bin überzeugt, dass, wenn es mir möglich wäre, dich zum Zeugen einer
solchen Feier zu machen, ein großer Teil deiner Abneigung gegen die Christen
verschwinden würde. Da es nun unsre Pflicht ist, überall Wahrheit zu suchen, und
die Möglichkeit, dich von dieser zu überzeugen, überall in deiner Nähe ist, wo
sich ein Christentempel und ein geschickter Redner befindet, so bitte ich dich
um deiner Liebe zu mir, um der Beruhigung willen, dich meiner Überzeugung näher
kommen zu sehen - besuche eine solche Versammlung, höre ihre Redner, und
schreibe mir dann, welche Wirkung dies auf dich hatte. Leb' wohl!
 
                                    Fußnoten
1 Rostra war ein Gebäude auf dem Hauptplatze von Rom, das aus den
Schiffschnäbeln einer besiegten Flotte errichtet worden war, und vor welchem die
öffentlichen Reden gehalten wurden. Hermes oder Merkur ist auch der Gott der
Beredtsamkeit, und wird als solcher mit goldnen Kettchen gebildet, die von
seinem Munde an die Ohren der Zuhörer gehen.
 
                          53. Teophania an Sulpicien.
                                                          Nicäa, im Oktober 302.
Deiner gütigen Aufforderung und dem Wunsche meines Herzens gemäß, schreibe ich
dir, meine liebenswürdige Freundin, aus dem stillen Aufenthalte, in welchem ich
endlich nach so manchen Stürmen Ruhe zu genießen hoffe. Ich bin nicht in
Nikomedien geblieben, wie du aus dem Anfange meines Briefs sehen wirst. Meines
Vaters Geschäfte fordern seine Anwesenheit hier, und ich begleite ihn gern. Der
Heimatlose findet überall sein Vaterland, wo die wenigen guten Menschen wohnen,
die noch einigen Teil an ihm nehmen. Ich habe auf der weiten Welt nun außer der
kleinen Familie, bei der ich lebe, und einer einzigen Freundin, die aber
gebietende Umstände fern von mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich
irgend einen Ort zum Aufenthalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die
geringste Veränderung in ihrer Lebensweise machen möchte. Ich bin allein. Es ist
ein eigenes Gefühl, so ganz einsam in der Welt zu sein, zu wissen, dass unser
Glück kein fremdes Auge erheitert, unser Schmerz keine fremde Träne
hervorlockt. Es ist traurig - aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es
macht uns die Gegenstände und Verhältnisse außer uns so gleichgültig, so
beziehungslos, dass wir dadurch in jene stille Fassung kommen, die so viele Weise
des Heidentums als das höchste Gut, das Ziel aller menschlichen Bestrebungen
anpriesen, und
