 trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich
nicht beleidigt - immer mehr Grund, die gute Meinung und die schönen Hoffnungen,
die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege, zu nähren und zu
vergössern.
    Ihr Gottesdienst, so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf -
denn bei der Feier ihrer Mysterien muss nicht allein der Nicht-Christ, sondern
auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen -
also ihr Gottesdienst, so weit ich Zeuge davon war, besteht in
gemeinschaftlichen Gebeten und Gesängen, Vorlesungen aus ihren heiligen Büchern,
der Lebensgeschichte ihres Meisters, und in zweckmässigen Reden darüber. Wie oft
hat, wenn du mit mir die Reden des Cicero, des Hortendus, des Demostenes
lasest, ein stilles Feuer meine Brust ergriffen, und in schmerzlicher Erinnerung
das Bild jener schönen Zeit vor meine Seele geführt!. Da sah ich die
versammelten Quiriten, ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen, und voll
glühender Vaterlandsliebe, mit begeistertem Tone die würdigen Gegenstände, die
das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen, würdig und hinreißend vortragen;
ich sah die Menge an seinen Lippen hangen, jetzt von edlem Unwillen, jetzt von
großen Entschlüssen bewegt, der Gemütsstimmung des Redners willig folgen, und
in sympatetischer Rührung seine Gefühle teilen. Erhaben und über Alles groß
erschien mir dann dieser Beruf, und göttlich die Macht, ein ganzes Volk nach
eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu
leiten, der Sprache, dieses Himmelsgeschenks, das ganz eigentlich und allein den
Menschen über das Tier erhebt, worin seine Perfectibilität, seine schönsten
Vorrechte liegen. Das sind die goldnen Ketten, die vom Munde des Hermes fließen.
Aber verstummt ist der Mund der Suada, verschwunden das kräftige selbstständige
Volk der alten Komitien, die Ketten des Hermes sind verrostet. Nur Sophisten und
Rechtsgelehrte missbrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse, um vor
Unwürdigen einen unwürdigen Zweck zu erreichen.
    
    Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder
in ihrer alten Reinheit und Stärke, und wenn auch die Gegenstände, an denen sie
sich übt, nicht von so allgemein bemerkbarem Einfluss, die Menge, vor der sie
sich zeigt, nicht ein ganzes selbstständiges Volk ist, so sind jene, die sie
wählt, nicht minder würdig und gemeinnützig, und ihre Wirkung auf die
versammelte Gemeinde nicht minder groß und wichtig. Mit erhebendem Gefühl, mit
Rührung habe ich manche dieser Redner gehört, und mich durch Erfahrung
überzeugt, dass jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und
Declamation, die mir damals vorschwebten, kein jugendlicher Traum, keine
Täuschung waren. Es liegt eine sympatetische Kraft in der lebhaften Rede. Noch
ehe uns die vorgebrachten Gründe überzeugt haben, hat das sprechende Auge
