
Rücksicht zu nehmen, seinen Planen geopfert. Sulpicia soll schön, tugendhaft,
und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen Hause
sehr unglücklich sein. Ich freue mich, sie bald kennen zu lernen. Unser Freund
Tiridates ist auch der ihrige. - Ob er ihr noch mehr ist, mag ich nicht
erforschen, weil ich mir die Achtung für sie gern rein erhalten möchte.
    Meinem Vater habe ich bereits zweimal - einmal aus Korint mit einem
zurückgehenden Schiffe, und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben. Die
Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn schuldig bin, will ich wissentlich nie
verletzen. Übrigens kann ich leider von dem, was er wünscht, nichts tun. Ich
kann nicht leben und handeln wie er; denn ich kann nicht denken und fühlen wie
er, und eines festen Gemütes gänzliche Umstimmung ist nicht das Werk der
Überredung oder des Zwanges. Umstände, Zeit, Verlockung könnten etwas tun;
aber wo die Überzeugung des Rechts so unerschütterlich gegründet ist, wie in
mir, ist auch von dieser nichts für mich zu fürchten, für ihn nichts zu hoffen.
Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt, um in andern Ländern durch Erfahrung
zu lernen, dass meine Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menschheit
überspannt, meine Begriffe von öffentlichem Wohl töricht seien. Ich habe ihm
gehorcht. Lass mich gestehen, dass mich dieser Gehorsam nichts kostete; denn in
meinem Innern war eine Stimme, die mir sagte, dass Vater und Sohn nicht so von
einander denken, und wenn sie so denken, nicht beisammen leben sollten. Meine
Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben. Rom wenigstens wird nichts daran
ändern. Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist, kann ich dir
nicht sagen. Auch glaube ich gern, was schon Tiridates (mit dem ich allein hier
in diesem Sammelplatze von Lastern und Torheiten leben und reden mag) gegen
mich behauptete, dass gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt, der in
diesen verächtlichen Nachkommen würdiger Väter so grell in die Augen springt,
meine Abneigung gegen sie noch vergrößert. Nein, wahrlich, Phocion! mein Vater
hätte mich nicht nach Rom schicken sollen!
    Indes bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel,
sammle Erfahrungen, sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit, und gehe
mit vielen unterrichteten Männern um. Meine Stunden sind regelmäßig unter
Geistes- und Körperübungen, Genuss und Anstrengung geteilt. Du weißt, ich
brauche nur Musse, und Freiheit, um zufrieden zu sein. Zufrieden! Mehr kann und
soll ja der Mensch nicht verlangen. Und ist nicht jeder nur so glücklich, als er
sich selbst dafür hält? Wenn auch manchmal trübe Gedanken in meiner Seele
aufsteigen,
