
des Freundes würde eben so zerstörend auf die Harmonie zurück gewirkt haben, als
der bloße Geist desselben.
    Mit diesen Grundbegriffen war ich im Stande, mir alle physiognomische
Rätsel zu lösen. Die Idee festhaltend, dass die Physiognomie immer nur etwas
Symbolisches oder Typisches sei, sagte ich zu mir selbst: »Da, wo das Gemüt
vorherrscht, muss die Physiognomie unregelmäßig und verworren sein; aus keinem
anderen Grunde, als weil es an der regulirenden Kraft gebricht, welche einen
bestimmten Charakter wirkt. Da, wo der Geist, vom Gemüte verlassen, wild
umherschweift, wird freilich keine Unregelmässigkeit und Verworrenheit sichtbar
werden, allein der Physiognomie wird es an allem Adel fehlen, und ihre
anziehende Kraft gänzlich vernichtet sein. Nur da, wo Gemüt und Geist in
Harmonie stehen, wird man im Antlitz des Menschen das Siegel seiner
Oberherrlichkeit entdecken; und was auch der Zufall tun mag, ein solches
Meisterstück der plastischen Natur zu verunstalten, so wird es ihm doch nie
gelingen, den Charakter desselben aufzuheben, weil dieser auf etwas Innerem
beruhet, das über allem Zufall erhaben ist.«
    Man urteile über dies Räsonnement, wie man wolle, für mich ist es so
hinreichend, dass ich aufrichtig bekenne, es vertrete bei mir die Stelle
matematischer Evidenz. Nie hat es mich irre geleitet, und eine große Menge von
Erscheinungen hab' ich mir nur auf diesem Wege erklären können.
    Dahin gehört, dass eben die Nation, der wir das schöne Ideal verdanken, für
die Freundschaft so ausschließend vorhanden war, dass sie mit einem besonderen
Sinne dafür ausgestattet schien. Allerdings hatte sie diesen besonderen Sinn;
aber er lag in der Harmonie des Gemüts und des Geistes, welche den Griechen
eigen und unstreitig das Resultat ihrer gesellschaftlichen Institutionen war.
Dieselbe Harmonie aber, wodurch sie der wahren Freundschaft empfänglich wurden,
wirkte auf ihre Gesichtsbildung und auf ihren ganzen Körperbau so zurück, dass
sie vorzugsweise in den Besitz der physischen Schönheit kommen mussten, und einer
ihrer Philosophen vollkommen berechtigt wurde, zu behaupten: »Eine schöne Seele
könne nur in einem schönen Körper wohnen.«
    Wie verschieden von der griechischen Physiognomie ist die italiänische und
die französische! In der ersteren lauter Karrikatur, wenn gleich nicht selten
erhabene und höchst interessante Karrikatur; meiner Theorie nach, aus keiner
anderen Ursache, als weil in dem Italiener, von alten Zeiten her, das Gemüt den
Ausschlag gegeben hat. In der letzteren bei weitem weniger Karrikatur, aber
zugleich auch beinahe gar keine Spur von Erhebung und innerer Größe, weil in dem
Franzosen das Gemüt dem Geiste weicht, und dieser, von dem Gemüte verlassen,
sich immer nur in witzigen Kombinationen, nie in großen, viel umfassenden Ideen
offenbaret. Vermöge dieses wesentlichen Unterschiedes ist der Italiener für die
Freundschaft
