 Übelstande unterwerfen,
wofern meine Bekenntnisse nur einigermaßen vollständig ausfallen sollen.
    Eine längere Zeit hindurch folgte ich in freundschaftlichen Verbindungen
einem gewissen Instinkte, welcher mir sagte, dass mit diesen oder jenen Personen
ein gutes Verhältnis für mich möglich oder unmöglich sei, weil ihre Physiognomie
irgend eine Wendung hatte, die mich anzog oder zurückschreckte. Das Wunderbare
hierbei war, dass sich, bei genauerer Bekanntschaft mit eben diesen Personen,
beständig fand, dass die Aussage meines Instinktes eine sehr zuverlässige gewesen
war. Eben deswegen wünschte ich alles Dunkle aus diesem Instinkte zu verbannen.
Allein wie das, was bisher bloßes Gefühl, und zwar ein sehr verworrenes Gefühl,
gewesen war, in eine Formel verwandeln, die ich auf jede mir vorkommende neue
Physiognomie anwenden könnte?
    Dass die Physiognomie selbst nur etwas Symbolisches sei, leuchtete mir sehr
bald ein. Eben so begriff ich ohne Mühe, dass sie als etwas Symbolisches nur auf
das Gefühl wirken könnte. Wollte ich nun das Gefühl in Idee und den Instinkt in
haltbare Formel verwandeln, so blieb mir nichts anderes übrig, als das
Symbolische aus der Physiognomie fortzuschaffen, und, wo möglich, in ihr den
inneren Zustand des einzelnen Menschen, dessen bloßer Typus sie war, zu erkennen
und zu begreifen. Ich sagte mir selbst, dass dies nur auf dem Wege einer sehr
genauen Analyse aller meiner Erfahrungen über einzelne Menschen geschehen
könnte.
    Indem ich nun über diesem Gedanken rastlos brütete, gelangte ich dahin, zwei
Grundkräfte im Menschen zu unterscheiden, die eine durch Gemüt, die andere
durch Geist zu bezeichnen, und die letzte Bestimmung jedes menschlichen
Individuums in die Harmonie dieser beiden Grundkräfte zu setzen. Die Menschen
unterschieden sich demnach sehr wesentlich von einander, je nachdem sie mehr
Gemüt, oder mehr Geist, oder Gemüt und Geist in Harmonie gesetzt, waren. Da,
wo das Gemüt den Ausschlag gab, musste ein rastloses Streben nach
freundschaftlichen Verbindungen statt finden; allein, da in dem Gemüte keine
regulirende Kraft enthalten ist, so konnten die Gemütreichen weder diskrete,
noch standhafte und zuverlässige Freunde werden; sie mussten, vermöge ihrer
ganzen Eigentümlichkeit, immer zu unerfüllbaren Ansprüchen aufsteigen, und sich
und ihre Freunde dadurch um den Genuss der eigentlichen Freundschaft bringen; es
waren, um alles mit einem Worte zu sagen, nur Passaden in der Freundschaft mit
ihnen möglich. Da, wo der Geist den Ausschlag gab, war an gar keine
freundschaftliche Verbindung zu denken; denn der Geist ist sich unter allen
Umständen selbst genug, und, von dem Gemüte getrennt, mehr eine
umherschweifende, als regulirende Kraft. Nur da, wo Gemüt und Geist in Harmonie
gesetzt sind, war eigentliche Freundschaft möglich, wiewohl nur immer unter der
Bedingung, dass zwei gleichartige Wesen zusammen trafen; denn das bloße Gemüt
