 der Regel mit einem Streit über die tragische Kunst. Der Graf sprach
gern über diesen Gegenstand, weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte;
allein da sich, wie ich schon oben bemerkt habe, der Künstler in ihm dem Grafen
so wesentlich unterordnete, so war über diesen Punkt kein Einverständnis mit ihm
möglich; der eigentümliche Zweck seiner Tragödien verhinderte die
Vortrefflichkeit derselben, ohne dass es möglich war, ihn davon zu überzeugen.
Ich hatte schon damals eine Ahnung davon, dass die wahre Tragödie das Gemüt des
Zuschauers oder Lesers nicht martern, sondern erheben müsse, und ohne Rückhalt
äußerte ich diese Ahnung; allein der Graf war hierüber durchaus
entgegengesetzter Meinung, und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen
verabscheute, so bestand er doch auf Erzeugung eines großen Unwillens, indem er
sich einbildete, dass das Gemüt nur durch Gefühle, nicht durch Ideen, erhoben
werden könnte. Dies war ein Punkt, auf welchem er standhaft beharrete; und auf
welchem er freilich beharren musste, wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen
wollte. Überhaupt war es mehr die Individualität des Grafen, als seine Kunst,
was an ihm beschäftigen konnte. Am reinsten sprach sich diese Individualität in
seinen Sonnetten aus, welche vielleicht die schönsten sind, die Italien
aufweisen kann. Hätte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen
Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt, so hätte er es schwerlich jemals
darauf angelegt, durch die letztere unsterblich zu werden.
    Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen, als die Herzogin sich nach Rom
zu sehnen begann. Die Gräfin d'Albania versprach uns dahin zu begleiten; der
Graf Vittorio Alfieri hingegen, welcher seine Mirrha angefangen hatte, wollte
sich nach Siena begeben, um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen
Freistaat ungehinderter nachhängen zu können. Es wurde die Verabredung genommen,
dass der Graf uns, während des nächsten Winters, in Rom auf einen Monat besuchen
sollte, und dass wir gegen den nächstfolgenden Winter wieder in Florenz
zusammentreffen wollten. Ein florentinischer Maler hatte die Gefälligkeit, uns
begleiten zu wollen. Die Reise ging vor sich, wir kamen wohlbehalten in Rom an,
und wurden, von der liebenswürdigen Gräfin eingeführt, allenthalben unserem
Stande gemäß empfangen.
    Obgleich der ausschliessende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und
nahmentlich die Malerei war; so konnten wir doch nicht umhin, auch auf die
Menschen einzugehen, von welchen wir uns umgeben sahen. Man nennt die Römer
schlau und fein; allein man vergisst, dass sie mit diesen Eigenschaften eine
Unschuld verbinden, welche erst dann aufhört, wenn eine gewisse Rohheit
Forderungen an sie macht, die sie nicht befriedigen können, ohne ihrem Wesen zu
entsagen. Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muss, allen meinen Erfahrungen
zufolge, in Rom sehr wohl zu
