
umhin, die Bemerkung zu machen, dass die Vorurteile über die Schweiz in dem
gegenwärtigen Augenblick so allgemein sind, dass sie sich selbst über den
neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken. Wie dieser Mann zu seiner
Reputation gelangt ist, begreife ich durchaus nicht. Seine Art zu komponiren hat
für mich so viel Widerwärtiges, als ob ich mit entblößten Füßen über scharfe
Kiesel laufen müsste. Ich bin so leicht nicht abzuschrecken, wenn es Belehrung
gilt; aber es ist mir nicht möglich, acht Blätter von ihm hintereinander zu
lesen, ohne mich ermüdet zu fühlen, und ich fordere alle Leute von Geschmack und
Bildung auf, mir zu sagen, ob es ihnen besser gelingt? Ich will nicht sagen, dass
die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz geführt habe, wiewohl ich
nicht begreife, wie man ohne der Einfachheit den förmlichsten Abschied gegeben
zu haben, so schreiben kann; allein, wenn der Styl in historischen Kompositionen
auch noch so gleichgültig sein sollte, so entsteht noch immer die Frage: Wo hier
die historische Komposition sei? Dieser Mann muss auch nicht die
allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben. Alle guten Geschichtsbücher,
die ich bisher gelesen habe, enthielten in der Darstellung selbst so viel
Notwendiges, dass mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen
wurde; in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft
hingegen mag ich anfangen wo ich will, mein Interesse ist immer und ewig
dasselbe, d.h. gleich null; und wenn es nicht vorher ausgemacht ist, dass die
Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet,
als die der Felsenwände, wovon sie umgeben sind, so kann die Schuld nur an der
Unfähigkeit des Geschichtschreibers liegen, der es nicht versteht, die Notizen
zu Tatsachen zu erheben, und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser
Tatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden. Doch was geht mich die Kritik an?
Ich bitte allen Grazien die Sünde ab, die ich hier begangen habe; dabei
versichere ich aber, dass ich sie nicht begangen haben würde, wenn ich es dem
Deutschen verzeihen könnte, dass er sich in seinem Götzendienst immer gleich
bleibt, nicht ahnend, dass er von allen Bestandteilen des menschlichen
Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient.
    Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag,
immer bleibt es ausgemacht, dass man sich für Italien, als das Land der schönen
Kunst, nicht besser vorbereiten kann, als durch einen längeren Aufenthalt in der
Schweiz. Schwerlich gibt es zwei Länder, die sich in jeder Hinsicht noch mehr
entgegen gesetzt wären. In der Schweiz sind die Menschen nichts; in Italien
hingegen sind sie alles. Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schönen
Erdstrichs für den Augenblick noch so sehr niedergedrückt
