
Wünsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen. Selbst die Reise nach der
Schweiz ließ ich mir sehr gern gefallen, ob ich gleich für dieses Land nie die
mindeste Zärtlichkeit empfunden hatte. Die Vorliebe der Herzogin für dasselbe
gründete sich von der einen Seite auf die hohe Achtung, welche sie für Haller
unterhielt, von der anderen auf die Urteile jüngerer Dichter, welche die
Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten. Um keinen
Preis hätte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen.
    Ich gestehe, dass, nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren, die
Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten; allein wenn
dieser Eindruck zur Erhebung führte, so führte er zugleich zur
Niedergeschlagenheit; mit einem Worte: Er verwirrte das Gemüt und raubte die
innere Freiheit, ohne welche es unmöglich ist, sich wohl zu befinden. Herrliche
Einfassungen, eine üppige Vegetation und - was immer damit zusammenhängt - eine
kräftige Animalität zeichnen die Schweiz vor allen Ländern Europa's aus; hat sie
aber das, was der gebildete Mensch unaufhörlich sucht - Menschen von höherer
Entwickelung? Ich möchte nicht gern darüber absprechen; das aber kann ich mit
Wahrheit behaupten, dass ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe. Eben
deswegen ist mir dies Land immer als ein schöner Rahmen mit einem schlechten
Bildnis erschienen. Ich habe nicht den Mut gehabt, dies jemals öffentlich zu
sagen, weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefasst machen musste;
allein deshalb würde ich, wenn es einmal gölte, mein Urteil nicht minder
standhaft verteidigen. Worin die große Beschränktheit der Schweizer ihren
letzten Grund hat, ob in ihrer Umgebung, oder in ihrer Verfassung, das mögen
Andere entscheiden; genug dass sie allgemein ist, und dass, wenn man sich mit der
Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann, eigentlich kein Interesse für
diese Nation möglich ist. Selbst die Herzogin, so groß auch ihre Vorliebe für
die Schweiz war, trat zuletzt mit dem Geständnis hervor, dass es ihr
problematisch geworden sei, ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen könnte,
da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben, und die Entwickelung des
übrigen Europa kaum im Widerschlage teilten. »Ich würde mich,« sagte sie, »auf
das tödtlichste langweilen, wenn die tote Natur hier nicht den Ausschlag über
die lebendige gäbe; um jener willen muss man dieser etwas nachsehen; es versteht
sich ja auch von selbst, dass da, wo Adel ist, auch Gemeinheit sein muss.«
    Nach meiner Zurückkunft in Deutschland hab' ich, um meine Urteile über die
Schweizer zu berichtigen, ihre Geschichte studiert; allein ich muss gestehen, dass
mich mein Studium in diesen Urteilen nur bestärkt hat. Und hier kann ich nicht
