 weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich
niederlegen wollte. Auch trug er mir nie eine förmliche Moral vor; und deute ich
sein Wesen recht, so hatte er dazu den sehr vernünftigen Grund, dass die Liebe
keiner Regulative bedarf, und dass der Hass sie verachtet. Seine Urteile über
Menschen und menschliche Verhältnisse waren die eines gebildeten Mannes, der
zwar an Unverstand, aber nicht an Bosheit glaubt, und sich daher immer zur
Nachsicht und Schonung berufen fühlt. Nie hab' ich ihn in Leidenschaft gesehen;
und wenn der Charakter eines Weisen in der Apathie enthalten ist, so war er mehr
als tausend Andere ein Weiser.
    Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken, Nähen, Brodiren; alles dieses
in einem hohen Grade von Vollkommenheit. Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren
Wirtschaftsangelegenheiten versenkt schien, so fehlte es ihr doch durchaus
nicht an Kunstsinn. Die Gewalt des Wahren war für sie eben so wenig vorhanden,
als für irgend ein Weib; aber die Gewalt des Schönen offenbarte sich in allen
ihren Schöpfungen, in so fern sie alles verabscheuete, was den ewigen Gesetzen
der Harmonie widersprach. Zwar sagt man: »Nur das Wahre sei schön«; allein, so
weit meine Beobachtung reicht, gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf
Männer; für Weiber ist nur das Schöne wahr, das heißt, sie wollen immer und ewig
nur das Schöne, unbekümmert um das Wahre. Vielleicht rührt dieser Unterschied
der Geschlechter daher, dass bei den Männern sich die Phantasie dem Verstande,
bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet. Wie dem aber
auch sein mag, noch immer soll das Weib geboren werden, bei welchem die
Schönheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist.
    Unbemerkt wuchs ich unter so wohltätigen Einflüssen, als meine Pflegeeltern
waren, heran. Meine Entwickelung ging um so glücklicher von statten, da nichts
vorhanden war, was sie hätte stören oder verhindern können. In einem Alter von
fünfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet, und meinem Umriss nach hätte man mich
für ein junges Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten können. Über das
Mittelmaass hinaus groß und von einer anziehenden Fülle, vereinigte ich
Brünetteit mit einer blendenden Weiße, und keiner von meinen Gesichtszügen
widersprach der Weiblichkeit. Wer mich sah, verweilte mit Wohlgefallen bei
meinem Anblick; was man aber ganz laut bewunderte, war die Üppigkeit meines
kastanienbraunen Haarwuchses; ich hätte ihn als Schleier gebrauchen können, so
lang und dicht war er. Die Aufmerksamkeit, welche mir alle Fremden bewiesen,
führte mich vor den Spiegel, der mir bisher durchaus gleichgültig gewesen war;
ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit, und wer will es mir verargen, dass
ich ihn in dem Abstich fand, den meine Gestalt von denen meiner
