 von ihnen
zurückschreckte. In der Tat, man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel
Ehre, wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von Achtung spricht,
sollte diese Achtung sich auch nur durch Missbilligung und Abscheu ausdrücken. In
keiner Sache tief, sind sie es eben so wenig in der Intrigue. An dem Kitzel
fehlt es ihnen nicht, wohl aber an dem Geiste, der sich ein Ziel setzt und
seine Mittel demselben anpasst. Es würde wenigstens eine Art von Poesie in das
Hofleben gebracht werden, wenn dieser Geist vorherrschte; allein dies ist so
wenig der Fall, dass es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann. Es ist
wahr, jeder hat sein besonderes Interesse, dem er nachgeht; doch, indem man sich
mehr von irgend einem Instinkt als vom Verstande leiten lässt, vertrödelt man das
Leben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen; und daher die große Zahl der
Unzufriedenen, die, wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen
sind, wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen, und, indem sie von
unerkannten Diensten sprechen, die sie geleistet haben, sich nur immer selbst
verdammen. Kurz: die eigentliche Gemeinheit, in sofern sie mit Flachheit eins
und dasselbe ist, wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen, als an den
Höfen, vorzüglich aber an den kleinen deutschen Höfen. Und dies gerade war, was
mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot, welche man unbegreiflich
nannte.
    Mich zu erforschen schickte man das Factotum des Hofes, den Herrn
Hofcapellan, an mich ab. Dieser Mann, der, seinem Berufe nach, der rechtlichste
und edelste des ganzen Hofes sein sollte, war, wie es zu geschehen pflegt, nur
der feinste und eigennützigste; und so groß war die Verkehrtheit aller
Mitglieder des Hofes, dass man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen
achtete, die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen mussten. Seine
Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet, wiewohl ich in dem Augenblick, wo er
sich melden ließ, auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war. Der
Zufall wollte, dass Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag, als er in mein
Zimmer trat. Der hochwürdige Herr konnte, nachdem die ersten Begrüßungen vorüber
waren, nicht umhin, einen neugierigen Blick auf meine Lektüre zu werfen; und als
er Klopstocks Messiade erblickte, die er wenigstens von Hörensagen kannte, war
seine erste Frage: Ob mir diese Lektüre Vergnügen mache? »Unendliches,« war
meine Antwort; »ich erblicke in der Messiade eine Welt, wie sie sich noch keinem
schaffenden Geist aufgeschlossen hat. Alles ist groß und erhaben, und weil man
das Große und Erhabene nicht betrachten kann, ohne dem Kleinen und Niedrigen zu
entsagen, so wäre wohl zu
