 das er selbst nicht zu Stande
bringen konnte, an seiner Stelle zu schaffen; der kann nicht anders als
verwirren, ängstigen und foltern. Will man wissen, wer der eigentliche Meister
in der tragischen Kunst ist? Derjenige unstreitig, der alles so anzuordnen weiß,
dass das Notwendige immer mit Freiheit vollzogen wird, so dass das Schicksal nie
über den Helden, dieser hingegen beständig über jenes siegt, sogar alsdann, wenn
er vom Schicksal zerschmettert wird. Wer dies nicht kann, der ist und bleibt ein
Pfuscher in der Tragödie, gut genug für den Pöbel, dem es immer nur um
Gemütsbewegung zu tun ist, aber zu schlecht für gebildete Menschen, welche die
Freiheit im Kampf mit der Notwendigkeit obsiegen sehen wollen. Wollte man
sagen, dass ich hier als Aristokratin spreche, so würde meine Antwort sein: »Die
größte Aristokratin ist die Kunst selbst, die sich nur in der Region des Idealen
bewegen will, weil sie weiß, dass sie, ohne abgeschmackt zu werden, diese Region
nicht verlassen kann.« Doch ich lenke wieder ein.
    Indem ich der Prinzessin gegenüber meine ganze Individualität festhielt, so
konnte es schwerlich fehlen, dass, vermöge der achtungsvollen Anhänglichkeit, die
sie für mich empfand, von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie überging. Ich
möchte nicht sagen, dass ich mich zu ihr herabliess; dies war durchaus unnötig,
da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren, dass ich sie mit
Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte. Es kam dahin, dass wir Studien und
Vergnügungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten, dass man uns für
geborene Schwestern hätte halten können. Im Scherz nannte mich die Prinzessin
bisweilen ihren Moritz; und dies mochte ich auch in der Tat sein, wenn nur von
dem geistigen Verhältnis die Rede ist, das zwischen ihr und mir statt fand. Ob
ich durch Übertragung meiner Eigentümlichkeit der Prinzessin nützlich oder
schädlich wurde, war etwas, woran ich gar nicht denken konnte, da die
Verhältnisse, in welche sie zu treten bestimmt war, tief im Hintergrunde lagen;
wenn ich aber auch daran gedacht hätte, so würde mich keine Klugheit abgehalten
haben, meinen ganzen Charakter zu behaupten, weil dieser zuletzt doch das
Einzige ist, was der Mensch sein nennen kann, und jede künstliche Modifikation
desselben baare Narrheit genannt werden muss. Ich habe mich hinterher, ich
gestehe es, sehr häufig über die Unbefangenheit gewundert, womit der Fürst seine
einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah, welche sie in ihren künftigen
Verhältnissen nur unglücklich machen konnte; allein mir selbst hab' ich nie den
mindesten Vorwurf darüber gemacht, dass ich die Urheberin dieser Entwickelung
war; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame wählte, hätte man ausmachen sollen,
ob meine
