 Wer sich nicht
ganz in seiner Gewalt hat, wird von seiner eigenen Kunst über den Haufen
geworfen; denn es kommt nicht nur darauf an, dass man schicklich anfange und gut
fortfahre, sondern auch, dass man vortrefflich endige. Die ganze Unterhaltung muss
ein Sonnet sein, in welchem ein interessanter Gedanke so verarbeitet wird, dass
die Hauptidee den Beschluss macht. In der Tat, jene italienischen
Improvisatoren, welche jedes beliebige Thema so ausbilden, dass es mit allen
Farben der Poesie zum Vorschein tritt, haben die größte Ähnlichkeit mit wirklich
ausgebildeten Hofleuten; und der Zauber, welche beide in den Gemütern
zurücklassen, ist vollkommen derselbe. Alle Saiten sanft berühren, und aus dem
Instrument, worauf wir spielen, eine solche Harmonie hervorlocken, wodurch wir
selbst nie beleidigt werden, das Instrument selbst aber entzückt wird - dies ist
es, worauf wir ausgehen müssen, und was wir gewiss erreichen, wofern es uns nicht
an der scheinbaren Entsagung fehlt, die alles Eigentümliche nur deshalb in den
Hintergrund stellt, damit es desto unerreichbarer bleibe. Ob Überlegenheit des
Geistes die unerlassliche Bedingung der besten Ausübung dieser Kunst sei, möcht'
ich weder bejahen, noch verneinen, da sie es bei den einen wirklich, bei den
anderen gar nicht ist. Ich glaube wenigstens bemerkt zu haben, dass man, wie in
vielen anderen Dingen, so auch in dieser Kunst, durch gewisse Eigenschaften des
Gemütes eben so weit kommt, als durch die des Geistes; und der größte Teil
ihrer Ausüber dürfte sie wohl durch die ersteren erwerben. Vielleicht ist dies
aber nur Schein, und wenn in irgend einer Kunst, so muss in dieser Geist und
Gemüt in dem vollkommensten Gleichgewicht stehen.
    In welcher bestimmten Individualität ich auch als Weib dastehen mochte, so
gab die Weiblichkeit in mir doch den Ausschlag über alles; und da der
Grundcharakter des Weibes Resignation ist, so wurde mir die Erlernung jener
nahmenlosen Kunst, die ich so eben beschrieben habe, dadurch nicht wenig
erleichtert. Für mich selbst gewann ich dabei auf eine doppelte Weise; einmal
indem jene spröde Eigentümlichkeit, die ich an den Hof gebracht hatte, sich
nach und nach verlor, ohne dass mein Charakter im Wesentlichen dabei litte;
zweitens indem sich mein Gesichtskreis durch alle die Ideen erweiterte, welche
mir durch die Mitteilung ganz absichtslos zugeführt wurden. In Beziehung auf
den ganzen Hof aber füllte ich eine Lücke aus, die man vor meiner Ankunft mehr
empfunden als deutlich gedacht hatte. Hätte ich in jenem zarten Alter über diese
Beziehung raisonnirt; so würde ich auf das Resultat gestoßen sein, dass der ganze
Hof, als geistiger Mittelpunkt genommen, in mir conzentrirt wäre; allein daran
dacht' ich damals eben so wenig, als irgend einer von denen, die ich
