 Jahre zählte? Der Reiz der
Wissenschaft sei noch so groß, so ist er doch nicht früher vorhanden, als der
Besitz. Was uns aber zur Erwerbung treibt, ist nie die Wissenschaft, sondern
irgend etwas Menschliches, dem sie als Mittel dienen soll. Was trieb nun meinen
Moritz?
    Ich war der Katastrophe, welche das Geschick meines Lebens entscheiden
sollte, bei weitem näher, als ich glaubte; ehe ich aber der Aufschlüsse erwähne,
welche mir Moritz über sein Inneres gab, muss ich von den Zeiten reden, in
welchen dies vorfiel.
    Der siebenjährige Krieg war seit anderthalb Jahren begonnen, und nicht bloß
Deutschlands, sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen
Friedrich gerichtet, der lieber einen Kampf mit den größten Mächten des festen
Landes eingehen, als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zurückgeben
wollte. Die Urteile über seinen Charakter waren verschieden, je nachdem sie von
der Schwäche oder der Stärke ausgesprochen wurden. Die große Mehrheit, welcher
innere Größe ein unauflösliches Rätsel ist, verdammte ihn bis in den tiefsten
Abgrund, als einen Räuber und als einen Tyrannen seiner eigenen Völker; indessen
fehlte es nicht an Einzelnen, welche auf die Notwendigkeit eingingen, worin
sich der Monarch befand, und, seinen Mut bewundernd, zugleich seine Einsicht
priesen. Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte, weil er
sich gleich bei Eröffnung des Feldzuges Sachsens bemächtigt hatte; so wünschten
diese seinen Unternehmungen jeden glücklichen Erfolg, überzeugt, dass das Genie
nur dann zerstört, wenn es aufbauen will, und fest versichert, es werde doch
noch einmal eine schöne Welt durch ihn ins Dasein gerufen werden. Der Ausgang
des wunderbaren Kampfes, in welchem der Verstand gegen die Masse zu Felde zog,
beschäftigte alle Köpfe; und nicht selten geschah es, dass man sich in einer und
derselben Familie über eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht
freute und härmte, je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder übel
wollten. So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands, dass seine
Taten selbst in die entferntesten Kreise drangen, und wenigstens die muntere
Jugend für den Helden ihrer Zeit begeisterten.
    Der Hof, in dessen Nähe ich lebte, war nicht bloß durch die Bande der
Verwandtschaft an das preußische Haus gefesselt, sondern auch durch
Charakterschwung und Genie dem großen Friedrich besonders zugetan. In unserer
Hauptstadt galt also nur das preußische Interesse. Wer sich von demselben
losgesagt hätte, würde nicht sowohl für einen schlechten Bürger, als vielmehr
für einen Einfältigen gegolten haben, der das Edlere und Bessere nicht zu fassen
vermögte. So lebendig war die Teilnahme an Friedrichs Siegen, dass sie von
Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden. Die Neugierde war
unersättlich, wenn einmal von dem preußischen König die Rede war
