, Harmonie in der höchsten Bedeutung des Worts.
Wahrheit ist die Sache des Verstandes, und kann gelernt werden; Schönheit
hingegen ist Sache des Gefühls und der Anschauung, und eben deshalb über das
Lernen hinaus. Ich gebe zu, dass Wahrheit zuletzt auch schön ist; aber deswegen
ist Schönheit nicht wahr, und so lange es noch einen Dichter auf der Welt gibt,
d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen
Geschlecht erloschen ist, verlange ich von dem, der sich mir als Dichter
darstellt, dass er mir Vergnügen mache, ohne dass jemals in seinem Werke von
Wahrheit die Rede sei. Gerade darin liegt die Schwäche der französischen Poesie
verborgen, dass die Franzosen das Wahre vom Schönen nicht zu trennen wissen, und
das eine nicht ohne das andere geben wollen. Boileau's rien n'est beau que le
vrai ist das Siegel des poetischen Unvermögens der Franzosen, die, wenn sie
jemals Dichter werden wollen, von neuem geboren werden müssen. Es ist zuletzt
nur die höhere Kraft des Menschen, die ihn zum Dichter macht, und in Hinsicht
dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italiänern nach, die, so lange
sie eine große Einheit bildeten, die ganze Welt eroberten, und als sich diese
Einheit in Trennung auflösete, das Gefühl ihrer vorigen Größe so lange in sich
konzentrirten, bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf. Ich möchte
nicht gern übertreiben; allein soll ich meiner Überzeugung gemäß reden, so waren
die Italiener zur Zeit ihrer Horaze und Virgile, welche die Welt einzig
bewundert, noch Barbaren; zur Zeit ihrer Ariosto's, Tasso's und Guarini's
hingegen ein hoch kultivirtes Volk.«
    Adelaide war, so wie ich, nicht wenig über diese Erklärung erstaunt. Wir
kämpften für unsern Korneille und Racine und Voltaire, so viel wir konnten;
allein über diesen Punkt fand für den Herrn von Z... kein Kapituliren statt. Als
wir zuletzt, nicht ohne uns zu schämen, eingestanden, dass wir nicht berechtigt
wären, Dinge zu bestreiten, die uns nie berührt hätten, und zugleich zu erkennen
gaben, wie sehr wir in die Geheimnisse der italienischen Poesie eingeweiht zu
werden wünschten: so war unser Antagonist sogleich erbötig, unser Mystagog zu
sein. Wirklich nahm der Unterricht im Italiänischen gleich am folgenden Tage den
Anfang, und unsere Fortschritte waren, wie unser Lehrer sie nur immer wünschen
konnte. Ob Adelaide mich, oder ich Adelaiden fortriss, konnte nicht in
Betrachtung kommen, da wir unter den verschiedensten Antrieben standen; sie,
indem sie sich in ihrem Lieblingselement, der Poesie, bewegte; ich, indem ich
die Autorität eines Mannes ehrte, der mir durch die Eigentümlichkeit seiner
