 Quelle der Großmut; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger, als
Helvetius dachte, der in seinen Werken etwas Bewundernswürdiges geleistet haben
würde, wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen Natur gelöst hätte.
    Der Zeitpunkt war gekommen, wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch
einen förmlichen Akt aufgenommen werden musste. Mein Pflegevater selbst wollte
diesen Akt verrichten, und bereitete mich daher auf das sorgfältigste dazu vor.
So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann, unterschied er
Christentum von christlicher Religion. Das erstere setzte er in eine
gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen
Verhältnisse, in welchen sich das Individuum befindet; in der letzteren
erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen Natur,
welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte. Nach ihm
war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von Notwendigkeit aus
dem Innern des Menschen hervorgegangen. »Von jeher,« sagte er, »war das
Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet, das Unbegreifliche zu
begreifen. Hierbei konnte es nicht fehlen, dass der Mensch sich zuletzt selbst an
die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte. Da eine Kraft in ihm
vorhanden war, aus welcher alle seine Schöpfungen hervorgingen, so stellte er
diese Kraft (den Geist) symbolisch als den Vater dar. Eine andere Kraft in ihm
(das Gemüt) enthielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schöpfungen; und wie
hätte diese Kraft schicklicher personifizirt werden können, als unter dem Bilde
des Sohnes, der den Vater liebt und von ihm geliebt wird? Die dritte Kraft ging
aus dem Verhältnisse der beiden ersteren hervor, und war in sich selbst das
Bewusstsein der größeren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Kräfte (
Gewissen); daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist,
der von Vater und Sohn ausgeht. Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also
wesentlich im Menschen, und ist im Grunde genommen die umfassendste Reflection,
die der Mensch jemals über sich selbst gemacht hat. Ein Gegenstand des blinden
Glaubens und des spottenden Zweifels, so lange das Innere noch nicht erwacht
ist, wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten
Überzeugung, so bald man anfängt, sein eigenes Wesen zu zergliedern. Wie viele
Spötter unserer Zeit würden plötzlich verstummen, wenn es möglich wäre, ihnen
den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenväter einzuimpfen!
Man findet es gegenwärtig ehrenvoll ein Ateist zu sein; aber nur weil man nicht
weiß, was ein Ateist ist. Sei man es immerhin in Beziehung auf den Gott der
Priester, und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist; aber ist
die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden? In Beziehung auf diese
ist es an und für sich unmöglich ein Ateist
