 mir an Göte's Stelle Vergnügen
machen würde, in meinen dramatischen Werken die Verzweiflung der Schauspieler
und Kritiker zu erblicken.
    So viel über Göte's Eugenia, deren Lektüre mir unaussprechliches Vergnügen
gemacht hat; ein Kunstwerk, das sich in jedem Betracht den ersten Meisterwerken
aller Nationen zur Seite stellen kann, ohne durch die Vergleichung zu leiden,
und das ganz unstreitig das allervollkommenste ist, das der deutsche Geist
jemals geschaffen hat.
    Ich komme nach dieser Abschweifung auf mich selbst zurück.
    Durch die Lektüre auserlesener Geisteswerke erhalte ich meinem eigenen
Geiste die jugendliche Kraft, wodurch ich mich von anderen Personen meines
Alters unterscheide. Allen meinen Erfahrungen nach, gibt es kein besseres
Mittel, dem Alter auszuweichen. Eine Sammlung wirklich geistreicher Schriften
hat den Vorzug selbst vor der besten Gesellschaft. Einmal behält man seiner
Bibliothek gegenüber die vollste Freiheit, welche notwendig verloren geht, wenn
man sich, im persönlichen Umgange, fremden Individualitäten anschmiegen muss.
Zweitens hat man den Vorteil, die Geister in ihren Sonntagsschmuck zu sehen,
d.h. nicht verunstaltet durch Launen, Antipatien und alle die Wirkungen
momentaner Eindrücke, welche die Mitteilung hemmen; denn wer sich einmal an
sein Pult gesetzt hat, um mit der Welt zu sprechen, befindet sich gewiss in der
ihm vorteilhaftesten Verfassung. Drittens hat man es in seiner Gewalt,
aufzurufen welchen Geist man will, nur ihm zu leben, und ihm nur so lange zu
leben, als man es für gut befindet. In der Tat, ich wundere mich, wie so viele
Personen, welche auf Bildung Anspruch machen, diese Vorzüge verkennend, den
Geselligkeitstrieb nur dann zu befriedigen glauben, wenn sie sich durch den
Umgang auf die Folter spannen lassen.
    Da von meinen Schicksalen nicht weiter die Rede sein kann, so bleibt mir nur
noch übrig, von meiner Lebensweise und meinen Erwartungen zu sprechen.
    Ich habe die Gewohnheiten und Neigungen meiner Jugend immer beibehalten; ich
konnte es, weil sie in jeder Hinsicht leicht und bequem waren, und tat es, weil
ich mich dabei wohl befand. Meiner Mäßigkeit verdanke ich, dass ich nie krank
gewesen bin. Aber ich kann mit gleicher Wahrheit sagen, dass ich mich nie
unglücklich gefühlt habe; und dies bedeutet etwas mehr. Vielleicht sind die
Gemütskräfte nie so stark in mir gewesen, dass sie mich zu inneren Widersprüchen
führen konnten; vielleicht aber auch hat die frühe Gewöhnung, ihren Anfällen zu
begegnen, die Wirkung hervorgebracht, dass ich mir zu allen Zeiten klar und
gleich bleiben konnte. Dem sei wie ihm wolle - denn hierüber ganz ins Reine zu
kommen, ist vielleicht unmöglich - indem ich Anderen eben so sehr gelebt habe,
als mir selbst, habe ich immer einer beneidenswerten Ruhe und Heiterkeit
genossen. Jungfrau bin ich
