 Mute, als bei
der Betrachtung der Verklärung Raphaels. Anfangs wusste ich nicht, wodurch ich in
diese Stimmung geraten war; als ich aber tiefer nachdachte, entdeckte ich
zwischen beiden Kunstwerken eine auffallende Ähnlichkeit, welche darin bestand,
dass in beiden eine doppelte Handlung vorgeht, welche die höchste Einheit mit
sich führt. Wollen Sie sich gefälligst desjenigen erinnern, was ich weiter oben
über das Raphaelsche Kunstwerk als Urteil meiner verewigten Freundin bemerkt
habe; so müssen Sie gestehen, dass das Wunder der Verklärung zu der
fehlgeschlagenen Heilung des besessenen Knaben in eben dem Verhältnisse steht,
worin sich die Revolution zu Eugenia's Schicksal befindet. Vereinigung des
Epischen mit dem Dramatischen war wie Raphaels so auch Göte's Zweck, und beide
haben ihn auf das allervollkommenste erreicht, indem sie die doppelte Handlung
so stellten, dass die eine die andere beleuchtet und aufklärt. Ist nicht alles,
was der Götischen Eugenia begegnet, von einer solchen Beschaffenheit, dass es in
dumpfes Erstaunen setzt, wofern man nicht an das zurückdenkt, was der ganzen
Gesellschaft, zu welcher sie gehört, bevorsteht? Nur auf diese Weise ließ sich
eine große Revolution auf die Bühne bringen; aber indem sie im Hintergrunde
gehalten werden musste, so konnte es schwerlich fehlen, dass alle diejenigen
(Zuschauer oder Leser), denen es an Einbildungskraft gebrach, von der Handlung
sehr wenig ergriffen werden, und dass Göte in dieser Hinsicht Raphaels Schicksal
teilte, an dessen Verklärung die gewöhnliche Critik zur Tadlerin werden musste.
    Große, hocherhebende Gefühle wollte der Dichter erzeugen, und solche hat er
in allen denen erzeugt, die ihn zu fassen Kraft genug haben. Doch auf die Menge
konnte er nicht einwirken. Dieser musste es sogar problematisch werden, ob sein
Kunstwerk für eine wahre Tragödie zu achten sei, da sie sich in derselben durch
nichts gemartert und gefoltert fühlte. Mit tiefer, alles umfassender
Menschenkenntnis hatte der Dichter gezeigt, wie aus Eugenia's nicht
gesetzmässiger Geburt sich, mit ihren seltenen Talenten und ungemeinen
Eigenschaften, ihre Ansprüche auf anerkannte Hoheit und ihre Schicksale
entwickelten; allein sich mit einem solchen Wesen, wie diese Eugenia ist, zu
identifiziren, ist der großen Menge unmöglich; und da sie die Heldin des Drama's
nicht vor ihren Augen vernichtet sieht, so entgeht ihr diejenige Vernichtung,
welche Eugenia dadurch erfährt, dass die Flammen der Revolution über alle ihre
Wünsche, Hoffnungen und Ideale zusammenschlagen. Nur dem gebildeten Zuschauer
oder Leser ist es einerlei, ob er eine Iphigenia in Aulis zum Opferaltare
führen, oder eine Eugenia ein Missbündniss eingehen sieht; und wie sehr der
Dichter auf diese höhere Bildung gerechnet habe, liegt darin am Tage, dass er den
Schmerz über Eugenia unglückseliges Geschick nicht besser besänftigen zu können
glaubte, als wenn
