 musste. Überall konnt' ich nie gewinnen, wohl aber
verlieren. Dies gerade machte mich vorsichtig. Um aber meinen Vorsatz desto
leichter auszuführen, fasste ich den Entschluss, bis zu einem gewissen Alter
nirgend häuslich zu sein; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa
angetroffen, nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin, die Welt,
die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe, mehr im Großen kennen
zu lernen. Es ist nicht die zweite Ehe, der ich aus dem Wege gehe, sondern die
unglückliche Ehe; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen, die ich
darüber zu machen Gelegenheit gehabt habe, so wie das natürlichste und
einfachste, so auch das genussreichste und edelste aller Verhältnisse, in welches
ich ohne Bedenken zurücktreten würde, wenn ich glauben könnte, dass es für mich
einen so unschuldigen Gatten gäbe, als ich eine unschuldige Gattin sein würde.«
    Die letzte Bemerkung Eugenia's bezog sich auf neue Heiratsvorschläge,
welche ihr in Pisa waren gemacht worden. Ob sie darauf eingehen sollte, oder
nicht, darüber war sie nicht länger zweifelhaft, sobald der Zufall uns zusammen
gebracht, und eine gewisse Sympatie uns mit einander verbunden hatte. Da sie
keinen Beruf fühlte, noch länger in Italien zu verweilen, und ich von einer
unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zurückgetrieben wurde; so vereinigten
wir uns leicht, durch das Tyrolische nach Wien zu gehen. Unsere Abreise ging vor
sich, sobald die Badezeit vorüber war. Wir kamen ohne Abenteuer in der
Kaiserstadt an; und weil der Aufenthalt in den Hauptstädten für Personen, die
der Beobachtung noch nicht überdrüssig geworden sind, immer mit großen Reizen
verbunden ist, so nahmen wir uns vor, einige Jahre unter den Wienern zu
verleben.
    Schwerlich hätten wir uns an irgend einem anderen großen Orte so teuer
werden können, als in der Hauptstadt der österreichischen Staaten. Hier lebten
wir gewissermaßen wie in einer Einöde. Denn nicht genug, dass die Kraft der
Hauptstadt eben so auf uns zurückwirkte, als auf die übrigen Bewohner derselben,
in sofern sie uns isolirte, fanden wir durch Alles, was wir unsere
Eigentümlichkeit nennen konnten, ein besonderes Hindernis freundschaftlicher
Verbindungen. Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks, unter
welchem wir lebten; eine Sinnlichkeit, über welche wir hinaus waren, und die wir
eben deswegen weder teilen noch achten konnten. Ist von den geselligen Tugenden
der Wiener die Rede, so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; sie sind
gastfreundschaftlich und bieder, wie kein anderes Volk, das ich kennen gelernt
habe. Allein in diesem Kreise dürften auch alle ihre Vorzüge eingeschlossen
sein; denn sobald von etwas Höherem die Rede ist, strengen sie sich vergeblich
an, es zu fassen,
