 in jeder
Kappe gefalle. Dies letzte tat mir wehe. Ich hatte ihn doch so wahr und innig
gesehen, seine Tränen waren in mein Herz gefallen, so bemächtigt sich der bloße
Schein nicht der Seele eines Andern. Es mag wohl sein, dass man Erscheinungen und
Motife richtig aufstellen, und Eines durch das Andere entwickeln könne, allein
im Menschen ist noch vieles, was sich so nicht auffassen lässt, und was
gleichwohl alles verändert. Man sage immer, die Liebe sei blind, ich glaube es
nicht. Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen, und füllt die Lücken, die der
Verstand mühsam gräbt. Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen über die
letzten Vorfälle. Die Frauen sind milder, bei ihnen herrscht das Gefühl, und
wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen, so wird ihnen doch der Mensch
nie zu einem bloßen Rechenexempel, das sich nach gewissen Regeln auflösen lässt.
Ich dachte jetzt recht ungestört in dieser Einsamkeit deine Rückkehr zu
erwarten, allein es hat sich auf's neue alles geändert. Vor einigen Tagen trat
der Ritter ganz unerwartet mit einer hübschen jungen Frau bei uns ein. Rosaliens
Tod war ihm noch fremd, er glaubte, sie durch die glückliche Wendung seines
Schicksals freudig zu überraschen, und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen.
Es war uns unendlich peinlich, ihn in diesem Irrtum zu wissen. Der Gräfin
gebrach es fast an Mut, ihm die Wahrheit zu gestehen. Das Lächeln eines
Menschen, dem der ungekannte Schmerz so nahe steht, hat etwas überaus Rührendes.
Indes entging ihm unsere Verlegenheit nicht, und er drang uns bald das
Geständnis seines Unglücks ab. Du kannst denken, wie sehr es ihn erschütterte.
Doch gelang es der schönen, blühenden Gattin, ihn nach und nach zu beruhigen.
Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens Grabe, und bringt manche Stunde dort zu,
allein er willigt dennoch ein, in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen, wohin
Seraphine ihm folgt. Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte, und freut
sich, durch irgend ein Familienband auf's neue an die Welt geknüpft zu sein. Ich
sollte sie begleiten, Alexis drang deshalb in mich, er ist liebenswert und
offen, und erwiderte meine Teilnahme mit der kindlichsten Innigkeit, allein
ich fühle mich doch losgerissen in diesem geschlossnen Kreise. Halte mich nicht
für eitel und anmassend, wenn ich dir gestehe, dass mir dies freundliche Dulden,
die ehrenwerte Anhänglichkeit gutmütiger Menschen, nicht genügt, dass ich es
schmerzlich fühle, für niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu sein, dass alles
ohne mich gerade eben so ist und fortgeht, ich nur neben, nicht mit meinen
Freunden lebe, ach, und dass keiner ahnt,
