 unwillkührliche Ergreisen, diese
Ähnlichkeit, die keinesweges Gleichheit war, und dennoch jenes schauerliche
Erkennen in fremder Gestalt, drängte beide Freunde aus einander. Rodrich wandte
sich ohne Schmerz von ihm ab. Er hatte etwas Außerordentliches erwartet, lange
die auffallenden Widersprüche wie geheimnisvolle Rätsel, mystische Anklänge
einer unbegreiflich hohen Natur angestaunt, jetzt entdeckte er kleinliche
Regungen, die auch seine Brust anfüllten, und verzieh es ihm um so weniger, sich
vor einer Überlegenheit gedemütigt zu haben, die nur die Beschränktheit eines
kleinen Kreises dafür erkannte. Stephano ließ es geschehen, ohne sonderliche
Empfindlichkeit zu äußern. Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen. Er
empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen für Menschen, die sich ihm
anneigten, und versuchte dann ungesäumt, sie in seine Pläne hinüber zu ziehen.
Wenige verstanden ihn, und auch diese Wenigen ließ er durch inkonsequente
Maßregeln erkalten. Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet. Er beschwichtigte
das verletzte Gefühl mit einer Verstandesformel, und hing dem großen
Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach. Es galt
nichts weniger, als dem launenhaften Schicksal zum Trotz, sein abgerissenes,
zweideutiges Dasein zu begründen, und die dunkle Hälfte desselben, durch einen
gewichtigen Schlag zu überstrahlen. Es war nie klar in ihm geworden, was er
eigentlich wollte und vermochte. Einzelne große Begebenheiten fuhren wie Blitze
durch sein Inneres, und drängten ihn verworren nach allen Richtungen. Mit einer
unglaublichen Leichtigkeit jede äußere Anregung aufzufassen, arbeitete er sich
innerlich bis zur Erschöpfung ab, ohne etwas Großes zu leisten. Mut und Wille
zerbrachen leicht an den gewöhnlichen Widersprüchen des Lebens, indes erschien
er in solchen Krisen originell, kräftig, und oft sogar mit einer gewissen
Verstandes-Konsequenz, die leicht imponirt, und der Welt die demütigende Klage
auspresste: dass es eine Schmach sei, diesen gewaltigen Geist in den gemeinen
Umgebungen verschmachten zu lassen. Stephano sagte dasselbe, freilich etwas
bescheidner, allein die einmal gefasste Verachtung aller hergebrachten,
gesetzlichen Verhältnisse, die unwillkürlich ein Fussschemel eigener Erhöhung
wird, rechtfertigte genugsam das Misslingen seiner häufig geänderten Pläne. Was
in Rodrich wie ein ungestümes Meer brauste, und ihn mit zerschmetternder Gewalt
an die Brandung empörter Wünsche trieb, das hatte in ihm eine dürftige Phantasie
und ein überlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgetürmt, über den die
ältere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgoss. Dieser Schein indes war es,
der Rodrich mehr als alles verletzte. Er vermengte ganz natürliche Folgen mit
absichtlicher Heuchelei, und während er das Unrecht zu bestrafen meinte, wandte
er sich von einer Ruhe, die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf.
    So war ihm ein Teil des Winters unter feindseligen Kämpfen verflossen, die
das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhöheten. Vergebens
hatte er, so wie die Armee, auf eine
