
 
                         Sieben und zwanzigstes Kapitel
Man sage, was man will, der Krieg, zu Wasser oder zu Lande, verwildert die
Naturen, gibt dem Hange zum unstäten Leben Nahrung, erhält in steter Spannung
und befriedigt nur durch große, entscheidende Katastrophen; nur das Große und
Riesenmässige genügt den Mitwirkenden. Dass Lindenhain, der von der Natur so ganz
zum Soldaten geeignet war, sich eine Zeit lang in der ländlichen Stille, in
friedlicher Tätigkeit, in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel, war mehr der
Neuheit und Seltenheit wegen, als dass es seinem innern Geschmack zugesagt hätte.
Bald wurde es ihm zu enge; er schnappte nach Luft; ihm war nur wohl, wenn er des
Tages ein paar Pferde müde geritten hatte; und endlich war's auch Albertinen
wohl, so herzlich sie ihn liebte, wenn sich das liebe Ungetüm vom Hause
entfernte.
    Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen, ergab sich Albertine jetzt
mehr, als je, den Künsten; es freute dann Lindenhain wohl, wenn unter ihrem
Pinsel etwas Meisterhaftes entstand, aber er schalt doch auch, wenn etwas
Wirtschaftliches versäumt oder aufgeschoben war. Er bedachte nicht, dass es in
der Natur der Dinge liegt, und dass es unbillig ist, vom Weibe zu fordern, was
der seltene Mann nur vermag: allem zu genügen. Würde sich weibliches Talent im
Wettstreite mit dem männlichen nicht ungehemmter entwickeln, müsste sich das Weib
nicht zugleich hundert zeitversplitternden Arbeiten hingeben? Und die Hand auf's
Herz, ihr Künstlerinnen, und schriftstellerischen Weiber, wenn ihr den Pinsel
aus der Hand legt, wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge
schwebt, geht ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Küche oder an den
Wäschschrank, als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzt?
Ich sage nein! und der Mann, der es von euch fordert, dass die
Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll, ist ein unbilliger. Wer wird,
wenn er Nectar haben kann, noch gern sauren Landwein trinken! Aber das Weib, das
im Gefühl ihrer Pflicht und Würde, eines tut und das andere nicht lässt, ist das
beste.
    Albertine hatte nie in einem größeren Kreise gewirkt; sie musste sich erst
hineinstudiren. Die Erfahrung macht die Wirtin, und jene wird oft mit Schaden
erst erlangt. Dadurch wurde sie unmutig; es wurde ihr schwer, mancher
Kleinigkeit, die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist, Interesse
abzugewinnen, und Lindenhains Vorwürfe verleideten ihr das Ganze. Das versäuerte
die Masse um so mehr, da Laurette gewöhnlich bei den Vorwürfen, die Albertine
oft, indelicat genug, im Beisein mehrerer erhielt, laut lachte oder bejahend
einstimmte.
    Bei der kränkelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt, und
